Manchmal gibt es Neuigkeiten, die schockieren. Weil sie so neu sind. Dann gibt es welche, die schocken auch: Weil man sich gar nicht bewusst war, dass das neu, falsch oder sonstwie bedenklich ist. So wie Weizen oder Milch, oder neulich, als ich auf den Artikel stieß: „Wer alleine wohnt, muss kein Weirdo sein“ von Puls.

Heute bin ich um 12 Uhr aufgestanden. Etwas, das sich vor allem Alleinwohner gönnen können; niemand störte sich daran, außer der Taube, die gegen meine Fensterscheibe dotzte und mich damit aus dem Halbschlaf riss. Wäre ich schon länger wach gewesen, wäre das Fenster weit offen gestanden. Und der Vogel drin. Daran hätte ich mich gestört.

Warum stören sich aber Menschen an der Lebensform anderer?

Wer alleine wohnt, ist ein Weirdo?

Zuerst würden wir den Begriff klären: Was ist ein Weirdo? Leo sagt dazu ganz viel: Ein Spinner könne das sein, ein lediglich komischer oder gar verückter Typ, und eine Stufe weiter tatsächlich ein Psychopath.

Ich lehne mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte: Das sind wir doch alle.
(Und lasse nebenbei den Vogel frei.)

Auch wenn es tatsächlich immer beliebter wird, in WGs zu wohnen (siehe statistica.de) und die Welt darüber sinniert, dass die Deutschen am liebsten in WGs wohnen, gibt es doch auch Gegentrends: Studenten wohnen angeblich wieder allein (FAZ Campus).

Der letzte Artikel ist von 2016, und wir wissen alle, was die Mieten seitdem fleißig getan haben, viele Gehälter aber leider nicht. Vielen bleibt also nichts anderes übrig, als in einer WG zu wohnen, es geht einfach nichts anders. Andere kratzen mühevoll den Rest ihres Nettos zuammen und kommen gerade so bis zum Monatsende hin. Diese Leute wollen aber unbedingt alleine wohnen.

Und werden deswegen jetzt als verrückt bezeichnet? Höh?

 

Ich dachte, wir hätten 2018

Und da darf doch jeder alles: Die einen heiraten – die anderen eben nicht. Die einen haben mit Anfang 20 schon Kinder, die anderen werden mit 78 in Rente gehen, ohne jemals Oma oder Opa zu werden. Jeder Lebensentwurf ist gut, wenn ihn derjenige bewusst so gewählt hat und ihn mag. Und die meisten davon funktionieren gut.

Die, die zusammen leben, lernen, sich nicht wegen jeder weggesoffener Milch den Kopf einzuschlagen und die, die alleine leben, dass man die schlimmste Magendarmgrippe der Welt auch alleine übersteht. Was vielleicht auch besser ist, als wenn jemand die Sauerei mitbekommt. Dafür fällt einem der über die Milch streitenden Zankhähne überraschend ein, dass er in seinem Einkaufsrucksack ja noch ein Tetrapack hat mit dem Aufdruck einer glücklich grinsenden Sojabohne.

Wie meine Oma gerne leise und beschwichtigend mit einem kaum erkennbaren Lächeln und immer gleicher Sprachmelodie sagte: „Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.“ Früher habe ich darüber immer gegrinst – weiß man doch! Bitte, Oma, sag doch mal was Neues! Und heute denke ich mir: Bitte, Prada, H&M und Co, druckt doch lieber mal diesen Satz mal auf T-Shirts drucken. Aber klar, der beruht zu sehr auf Logik, ist wenig überraschend und nicht so hip wie „We are alle feminists“ und „Now we have the salad“.

„Alles hat seine Vor- und Nachteile“ ist nicht lustig, nicht cool, nicht sexy, null emotional, sondern ernüchternd nüchtern, pragmatisch – und gleichzeitig leider auch so wahr. Aber sowas zählt in Berichterstattung ja nicht, in Kolumnen schon gar nicht, da wollen wir lieber hochkochende Emotionen und singuläre Meinungen.

 

Was am alleine wohnen geil sein kann?

Nun rechtfertigt Linda Becker in ihrem Artikel, warum alleine wohnen geil ist. Ich staune etwas, warum und in welcher Detailverliebtheit man das alles extra erwähnen kann.

Ja, es ist schon ganz praktisch, wenn keiner sieht, wie bedrohlich hoch der Abspül-Turm mittlerweile ist. Ich bin auch gerne der Chef über mein Serien-Programm und mampfe dabei gerne mal einfach nur Smacks, wenn mir danach ist. Ein Bedauern über Pärchen zu äußern, die „zusammen essen müssen“, maße ich mir dennoch nicht an. Auch wenn ich es sehr bedaure, dass ich in eine Pfanne keine Schwammerl schmeißen kann, wenn mein Fernfreund mal da ist. Aber dafür kann man als Nachspeise dann knutschen. Hat eben alles seine …

 

Alleine wohnen – zum Freak werden?
Aufwachsen tun wir doch alle gleich.

Ja, ich kann es bestätigen: Man macht komische Sachen, wenn man alleine wohnt. Einfach, weil man es kann. Wenn ich so lange in der Pyjamahose herumhängen kann, dass es sich gar nicht mehr lohnt, sich umzuziehen, bekommt das keiner mit. Dann sende ich vielleicht einen Tweet darüber ab und merke an den Reaktionen, dass es ein paar anderen Alleinewohn-Weirdos (und sogar Pärchen, wohoo!) genauso geht. Wir können es also alle: Freak sein, egal, ob wir alleine oder zusammen wohnen.

Das gar nicht mal so Erstaunliche ist ja: Menschen wachsen in der Regel mit anderen Menschen auf. Sie leben und wohnen in dieser Zeit zusammen und lernen, ein eigenes Rudel-Regelwerk auszubilden. Und mehr oder weniger funktioniert das auch: Der Mensch lernt, sich mit anderen zu arrangieren, zu kommunizieren und kooperieren, gegebenenfalls auch mal zu kapitulieren.

Als Erwachsene haben Menschen in der Regel also alle Skills erlernt, die nötig sind, um mit anderen zusammen wohnen zu  können. Am Können scheint es also kaum zu liegen, dass einige lieber alleine wohnen. Und gehen wir jetzt von den grausamen Mieten einen gedanklichen Schritt weg: Ist es vielleicht – wohoo – eine bewusst getroffene, individuelle Entscheidung?

 

Einfach Typsache?

Natürlich ist jeder superduperindividuell und etwas ganz Besonderes. Aber um jetzt nicht 28394028 Erklärungen bringen zu müssen, warum die einen lieber allein und die anderen lieber mit jemandem zusammen wohnen, lasst mich auf zwei recht großzügige Schubladen zurückgreifen. So groß, dass man sich da auch nicht eingeengt fühlen muss.

In der Theorie der Big Five – fast 100 Jahre alt – geht man von fünf Grund-Eigenschaften aus. Eine Eigenschaft existiert dabei nie ohne ihren logischen Gegenpool. Eine Achse innerhalb der Big Five ist die Introversion–Extraversion. Ein eher Introvertierter wird in der Regel lieber alleine wohnen, einfach weil er die Ruhe stärker braucht, um sich zu regenerieren. Der tendenziell Extrovertierte lädt seine Batterien im Beisein mit anderen auf und wird daher eher zu einer Lebensform tendieren, bei der er so häufig es geht von Menschen umgeben ist. Natürlich gibt es Schwankungen, Abweichungen, und es sagt niemand, dass man jeden Tag oder gar sein Leben lang gleich sein „muss“.

Introversion hat also nichts mit, wie so oft angenommen, Schüchternheit oder Ungeselligkeit zu tun. Es ist keine Charakterschwäche, an der man arbeiten muss. Im Gegenteil, ein „Zieh in eine WG, das würde Dir so gut tun!“ von einem Extrovertierten macht nur unnötig Druck und das Gefühl, irgendwie falsch zu sein (was in einer Gesellschaft, die eher extrovertierte Eigenschaften schätzt, so überraschend nicht ist). Und das ist es nicht.

Das klingt als Antwort in der „Ich bin ja ach so individuell“-Vielfalt natürlich fad und womöglich viel zu einfach.Womöglich ist es aber häufig die Antwort, die man dann einfach so stehen lassen sollte. Wie war nochmal die Frage?

 

Ist es nicht scheißegal, wie wer wohnt?

Eben.

 

… oder habt Ihr Angst um die Alleinwohnenden?

Aus eigener Erfahrung kann ich versichern: Das geht schon. Ich habe es selbst erlebt und auch von anderen gehört: Der Worst Case ist nie so schlimm, als dass man sich dann nicht selbst noch den Arsch retten könnte. Der Körper spuckt im Notfall eine ordentliche Ladung Adrenalin aus, die einem die Kraft dazu gibt, alles Notwendige selbst zu organisieren. Und Nachbarn hat man ja auch. Trotzdem ist es nie verkehrt, die Notruf-Nummer (für Augsburg: Bayerischer ärztlicher Notfalldienst 116 117) im Handy abgespeichert zu haben und/oder zu wissen, welcher Freund im Notfall immer für einen da ist. Das gilt übrigens auch für Zusammenwohner. Wir Weirdos, egal ob allein oder zusammen lebend, müssen doch zusammenhalten. 

 

 

 

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2 comments

Antworten

Ich finde alleine wohnen toll! Herrlich entspannt, ohne Zwänge und Pflichten, eigentlich wollte ich nie mehr mit jemandem zusammen wohnen. Wenn ich im Haushalt was machen wollte, dann machte ich es. Und wenn nicht, dann habe ich es gelassen (so war es meistens). Jetzt wohne ich nicht mehr allein, und es ist ein Höllenstress. Klar hat es auch seine Vorteile, aber ich finde, der Stress überwiegt.

Antworten

Du willst nicht wissen, wie’s bei mir derzeit ausschaut … 😉

Schade, dass es dann derzeit bei Dir gerade nicht geht, so zu wohnen, wie es Dir mehr taugen würde. Wenigstens kannst Du Dich im Sommer im Park oder am See oder so aufhalten … 🙂

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