Augsburg, ich mag dich echt gerne – aber in Sachen Plakate könnte ich Dir gerade eine kleben! Seit Beginn des Jahres gilt nämlich: Es gibt weniger Werbeflächen für Plakate. Puls schreibt darüber diesen Artikel. Die Zahlen hierzu liefert die Augsburger Allgemeine in diesem Artikel: Nur noch 500 anstelle bislang 1200 Stück sollen es künftig sein. Die Intention dahinter ist die scheinbar hehre, dadurch das Stadtbild schöner zu machen. Kulturtreibende jaulen auf, Kommunkationsdesigner auch. In Funktion letzterer will ich mich hier zur aktuellen Diskussion äußern. 

 

Plakate dienen zur Information und Kommunikation.

Auch wenn vieles mittlerweile digital abläuft: Wie oft bekommen wir erst durch Plakate von einer Veranstaltung mit! Ich wüsste sonst oft nicht, wann wie wo zum Beispiel der Flohmarkt bei der Metro stattfindet. Oder dass es so etwas wie Edelsteinmessen überhaupt gibt. Das will ich aber wissen. Facebook ist natürlich ein beliebtes und mittlerweile schon zu probates Mittel, um Veranstaltungen zu teilen. Es ist aber falsch, darauf als einziges zu setzen. Immer mehr wenden sich von dieser Plattform ab – mich hält dort auch nur noch der Blog. Information zu kulturellen Veranstaltungen sollte keine elitäre Sache sein, die nur bestimmten Leuten zugänglich ist. Sie muss gestreut werden. Und das geht eben am einfachsten mit Plakaten – sofern dieser Weg nicht unnötig erschwert wird, wie es die Stadt Augsburg aktuell leider vorhat.

Ja, zugepflasterte Plakatwände mögen uns erst mal überfordern, und für viele sind sie wohl hässlich. Aber das Gute an ihnen ist: Wir selektieren da immer noch selbst, können ein Foto von dem interessanten Plakat der Freundin in Whatsapp schicken – oder stur an dem Ding vorbeigucken und lieber dem lustigen Hund hinterher. Plakate sind vielleicht altmodisch, aber doch erfolgreich und wesentlich demokratischer als „diese Veranstaltung könnte dich vielleicht interessieren“. Sie verkörpern Freigeist.

Betroffen sollen vor allem die Werbeflächen auf den Grünstreifen sein. Zu diesen Plakat-Verschandelungen kann ich mich nur minimal äußern, da ich nicht Auto fahre. Ich bin mir aber recht sicher, dass niemand die nächste Ausfahrt Richtung München genommen hat, weil er die Augsburger Plakate so scheiße fand. Es sei denn, da wurde eine Veranstaltung in München beworben.

Plakat von Miseror
Plakatgestaltung perfekt integriert ins Stadtbild – hier von Miseror in Augsburg Rechts der Wertach.

 

Plakate sind ein günstiges Werbemittel –
und sehen leider oft so aus.

Viele Veranstalter haben nicht das große Geld für Kommunikationsmittel. Ich erlebe es im Arbeitsalltag ständig selbst: Vor allem bei Kunden mit kulturellem oder sozialem Hintergrund ist da immer erst mal die Frage nach Flyern und Plakaten. Die sind einfach nach wie vor am günstigsten zu produzieren, haben aber gleichzeitig eine gute Reichweite. Im Vorteil ist hier natürlich, wer die Gestaltung in die Hände von Profis legt, damit das Produkt nicht gleich in der nächsten Tonne landet oder eben als „Verschandelung“ unangenehm ins Auge sticht.

Die, die noch weniger Kohle für ihre Kommunikation haben, drucken ihre Plakate eben selbst. Sicher blutet an der Stelle das Herz einiger, aber hej: Nicht mal wir versnobten Designer leiden körperlich, wenn jemand die Comic Sans nimmt und mit Deppenapostrophen um sich haut. Auch wenn wir so tun. Das Plakat ist bockhässlich –„Hast Du das hässliche Plakat für die Ü30-Party gesehen? Haha!“ – Man spricht drüber, die Info ist angekommen – Zweck erfüllt. Notfalls lacht man eben drüber.

Anstatt „hässliche Werbung“ zu unterbinden, sollte sich Augsburg lieber fragen, wie man mehr schöne Plakate ins Stadtbild bekommt. Meine Vorschläge hierzu folgen am Schluss.

 

Plakate machen das Bild einer Stadt aus.
Und nein, Auxburg, ganz genau davor musst Du keine Angst haben.

Angeblich sieht Augsburg das Stadtbild durch die Plakatierung verschandelt.

Ich gähne.

Moment: Wir leben hier in Auxburg! Nicht in der Bronx. Ab und an – okay, ständig – haben wir baufällige Gebäude, die wild mit Plakaten zugekleistert werden. Jetzt kann man darüber streiten, was schöner ist. Unnötig zu sagen, was meine Position ist. Die Plakate erfüllen zudem einen Sinn, und nicht nur den offensichtlichen, dass sie etwas bewerben: Langfristig und nachhaltig erzählen sie die Geschichte der Stadt – was war, ist, sein wird. Augsburg muss sich nicht dafür schämen. Im Gegenteil. Es soll stolz darauf sein, was hier alles passiert und wie sich die Stadt entwickelt.

Als ich in Wasserburg am Inn war, fiel mir erst gar nicht bewusst auf, wie verhalten dort die Plakatierung ist. Schnell hatte ich aber den Eindruck, dass die Stadt schön, aber auch ein bisschen fade ist und da nicht gerade der Bär steppt. Wie viel eine Stadt zu bieten hat, wird erst durch Plakatierung sichtbar. Ja, weniger Plakate mögen zu einem sehr sauberen, ordentlichen Stadtbild beitragen. Aber das ist auch verdammt öd. Und: Dieser Eindruck färbt sich auf die gesamte Stadt auf. Auf unbewusster Ebene hält man die Stadt ruckzuck für langweilig. Willst Du das sein, Augsburg?

wasserburg-c-auxkvisit-27
Für mich bedeuten solche Wände Leben – und nicht „Verschandelung“. Hier: Die einzige wilde Plakatwand, die ich in Wasserburg gefunden habe.

 

Lasst die Plakate da!
Und fördert, dass sie schöner werden.

Im Lauf des Jahres dürfen wir uns wieder an den schlimmsten Plakaten überhaupt erfreuen: Denen zur Wahl. Dann wäre ich froh, wenn Augsburg die Anzahl der Plakate auf Null reduziert hätte. Gewählt wird aber nicht immer, kulturell gelebt aber schon. Und deswegen sollte Augsburg da die Anzahl der Plakate nicht bewusst minimieren, sondern lieber Anreize und Informationen bieten, wie man der Verschandelung vorbeugen kann.

Vielleicht sollte deutlicher kommuniziert werden: Wir haben verdammt gute Werbe- und Designagenturen in Augsburg! Liquid, Büroecco und KW NEUN haben ihre Namen über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht. Und dann gibt es noch viele kleine Agenturen, die sich über Plakat-Aufträge freuen. Und wiederum größere, die man namentlich zu wenig kennt, die aber auch Plakate machen und noch dazu viel Soziales und für NGOs wie elfgenpick. Ich kenne die gut, die machen wirklich ordentliche Arbeit 😉

Es sind also genügend Profis vor Ort, die sich um das Thema „Schönere Plakate“ mit dem größten Vergnügen annehmen würden, um einen positiven Beitrag fürs Stadtbild zu leisten. Genügend selbständige Grafikdesigner reiben sich die Hände, wenn sie ein Veranstaltungsplakat für ihre Stadt machen dürfen. Oft sind sie Absolventen der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Augsburg. Augsburg hat eine Tradition für Grafikdesign – warum die jetzt mit den Füßen treten? Das setzt die falschen Impulse für eine Zukunft, in der sich Augsburg als urbaner Lebensraum aufstellen will. Gut gestaltete Plakate setzen ein eindeutiges Signal, dass die Stadt lebendig, aufgeschlossen und offen ist. Dazu gehört auch ganz klar die Vielfalt.

Die Stadt Augsburg könnte eine Übersicht liefern, in der sämtliche Augsburger Designer und -agenturen vorgestellt werden. Oder es akzeptieren, dass es eben auch hässliche Plakate gibt. Neben denen die schönen noch schöner aussehen …

 

Der Umweltfaktor

In einer Hinsicht ist die reduzierte Plakatierung nachvollziehbar und sinnvoll: Um Ressourcen zu schonen. Print ist aber nicht tot, sondern wird auch weiterhin seine Berechtigung haben. Solange wir keine multimedial bespielbaren Plakat-Flächen haben, wird eben fleißig Affichenpapier geklebt. Die Stadt könnte ja Anreize bieten, indem sie unterschiedliche Preise für die Plakatflächen verlangt: Normale für normal produzierte, günstigere für nachgewiesen CO2-reduziert produzierte.

Klimaneutralen bzw. umweltfreundlichen Druck bieten in Augsburg z. B. die Druckereien deVega oder Senser an.

 

Lasst es schöne Plakate sein, lasst es viele sein. Auch 2017. Was denkt Ihr dazu? Schreibt gerne hier oder auf Twitter oder Facebook – dann mit #plakatliebe.

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