Wenn man 1980 geboren ist, hat man es nicht so einfach, sich in die richtige Generations-Schublade einordnen zu können, sofern man es denn will: Für X ist man zu jung, für Y zu alt. 2016 erschien nun das Buch von Michael Nast „Generation Beziehungsunfähig“ und bietet uns die Möglichkeit, uns zusammen in diese ungemütliche Schublade zu kuscheln.

Beziehungsunfähig – wer will das bitte schon sein?  Lieber wären wir etwas anderes – perfekt zum Beispiel. Dennoch oder gerade deswegen trifft das Buch den richtigen Nerv. Es rangiert immer noch auf Platz 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Michael Nast ist gerade auf Lesereise unterwegs und stellte sein Buch am Donnerstag auch in Augsburg vor. Ich wurde eingeladen, kaufte mir sofort danach das Buch und stelle nun nach 239 Seiten fest: Um Singlesein und Beziehung geht es da gar nicht so sehr. Sondern um alle Beziehungen – um die zu unseren Freunden, der Familie, Kollegen, Chefs. Und um die zu uns selbst.

 

Fototermin mit dem Berliner Autor und Kolumnist, Herr MICHAEL NAST am 22. Juli 2015 digital fotografiert, 41,5 x 62,0 cm, 300 dpi nicht retuschiert Not Ready To Print APPROVAL © Steffen Jänicke 2015 Namensnennung des Fotografen ist ausdruecklich erwünscht und zugesagt - Foto: Steffen Jaenicke oder www.steffen-jaenicke.de Frei für jede Art der PR-Arbeit (ausser Titelbilder oder Großflächenwerbung) - gemaess Vereinarung mit M. Nast und seinem Management - Ulf-Gunnar Switalski von Omundo Media GmbH)

© Steffen Jänicke 2015 

„Generation Beziehungsunfähig“ – der Bestseller kommt nicht von ungefähr und direkt aus Berlin.

Der Titel ist natürlich erst mal provokant. Allerdings wird der Begriff nicht im pathologischen Sinn verwendet, Michael Nast ist ja auch kein Psychologe. Vielmehr beschreibt sein Buch die aktuelle Generation und unser Lebensgefühl – es dürfen sich vor allem die jetzt 25- bis 40jährigen angesprochen fühlen. Darüber hinaus erreicht er aber, selbst davon überrascht, weitaus mehr Leute. Egal ob 16 oder 46 Jahre alt – oder auch in Südkorea: Dorthin soll sein Buch nun auch übersetzt werden, verriet er zu Beginn der Lesung.

Er hat es also geschafft, einen höchst empfindlichen Nerv zu treffen, und dabei geht er doch so feinfühlig vor wie ein Akupunkteur. Einer mit Berliner Schnodderschnauze, versteht sich. Denn Michael Nast schreibt von da, wo jeder hin will, weil es die immer wieder hoch gelobte, coolste Stadt der Welt ist – mitten aus Berlin Prenzlauer Berg. Macht aber nix: Das meiste, das er beschreibt, trifft auch auf Köln, Hamburg, Augsburg zu. Weil wir alle irgendwie das Gleiche erleben, auch wenn das Augsburger Publikum das nicht zugeben will. Auf die Frage, wer alles bei Tinder sei, erhoben sich nur sechs Hände – come on!

Die Texte im Buch erinnern an die lose Blattsammlung, von der Michael am Donnerstag vorlas. Sie können alle einzeln für sich gelesen werden, mehr Spaß macht es aber natürlich, alle zu kennen. „Generation Beziehungsunfähig“ stellt sich dabei nicht nur den Themen Single-Sein und Liebe-Finden, diese machen tatsächlich eher einen kleinen Teil des Buchs aus. „Berufung Beruf“ heißt da ein Kapitel, die Headline des Textes „Ich mach da so’n Projekt“ verrät dazu schon fast alles. Man stöhnt auf und weiß genau, dass irgendwann ein Gehalt von 1000 Euro für jemanden in der Medien-Branche erwähnt werden wird. Brutto natürlich. In „Dreißig ist das neue Zwanzig“ widmen sich mehrere Texte unserer nicht enden wollenden Jugend. Auch in „Religion Selbstoptimierung“ tauchen die Berliner Kneipengespräche auf, in denen über das letzte Tinder-Date philosophiert wird – weil 2016 eben auch Beziehungen optimiert werden müssen. Nur schade, wenn man dann liest, dass ausgerechnet in Sachen Verhütung lieber minimiert wird …

Dennoch kommt da nie ein Fingerzeig von Michael, der da sagt: „Du bist doch beziehungsunfähig!?“– diese Frage stellt er sich höchstens selbst. Er liefert uns keine Vorschläge, was wir tun müssen – Belletristik verschafft einem ja wesentlich mehr Erkenntnis als sämtliche Ratgeber, so seine Überzeugung. Also sieht er einfach scharf hin und beschreibt sein Leben und das seiner Freunde: Was geschieht? Was läuft falsch? Ist es überhaupt „falsch“? Aber es läuft bei uns doch deutlich anders ab, verglichen mit unserer Elterngeneration: Die hatten bereits Kinder, ein Reihenhaus und ein Auto, als sie so alt waren wie wir jetzt. Und was haben wir? Kleine Wohnungen oder WGs – und nebenbei alle Freiheiten der Welt. Holy Shit. Unsere Eltern beneiden uns, dass wir im Gegensatz zu ihnen alle Möglichkeiten haben und verstehen nicht, dass uns genau das Angst und handlungsunfähig macht. Wer an einer Kreuzung überall hin gehen kann, weil er keinen Plan hat und nirgendwo hin gehen muss, bleibt eben erst einmal stehen und schaut sich hilflos um. Ob in Berlin, München – oder Auxburg.

In „Generation Beziehungsunfähig“ kristallisiert sich schnell heraus, was unsere wirklichen Probleme sind: Das ständige Überangebot – immer und überall. Bei Tinder sind mehr Leute als in einem Club abends, und es kommen ständig neue hinzu: Wenn jemand im Club drei Frauen interessant findet, schwindet die Chance, dass er mit einer nach Hause geht, so Nast. Dann lieber nur Eine. Jetzt denken wir an die Tausende Benutzer bei Tinder … Und dann ist da noch unser Drang nach Perfektion. Ist doch klar, dass wir uns da nicht mehr entscheiden können, ja es gar nicht erst wollen. Es gibt immer etwas vielleicht noch Besseres. Dafür wollen wir uns alles offen halten und uns in der Gegenwart lieber gar nicht erst festlegen. Das gilt für den Job, den Handyvertrag – und leider auch für potenzielle Partner.

Es soll ja auch alles perfekt zu uns passen, die Außenwirkung muss stimmen. Wir wollen jedem zeigen, wer wir sind. Wenn wir das nicht wissen, dann zeigen wir eben, wer wir sein möchten. Und wenn wir selbst das nicht wissen, dann zeigen wir eben das, von dem wir meinen, dass wir es wollen. Wer wir sind, wissen nur noch die wenigsten. Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld, in dem wir uns selbst verdammt wichtig finden, aber nicht uns selbst.

Wir sind also nicht nur die Generation Beziehungsunfähig, sondern die Generation Fassade, die Generation Glatt, und vor allem die Generation Vielleicht. Vielleicht lieber morgen … vielleicht lieber nie?

 

„Generation Beziehungsunfähig“ ist keine Klatsche gegen den Leser, sondern gegen das System.

Im ersten Moment fand ich es noch beruhigend zu sehen, wie unglaublich viel uns Menschen verbindet. Ich fühlte mich weniger allein mit meinen grässlichen Tinder-Date-Erfahrungen (Ihr erinnert Euch sicher an meine Artikel dazu) oder mit meiner Unfähigkeit, mich regelmäßig zum Sport oder zum Putzen zu motivieren. (Michael meint anscheinend, letzteres wäre ein Männer-Ding. Ist es leider nicht.)

Im nächsten Moment schwankte meine Erleichterung in Entsetzen um: Hier hat nicht nur das Individuum, sondern das gesamte Kollektiv einen gewaltigen Knacks! Sind wir echt alle so bescheuert, wo wir alle eigentlich so gebildet sind? (Michael bezeichnete uns mit einem Augenzwinkern als „Augsburger Mittelschichts-Elite“.) Woher kommt denn unser Drang nach Perfektionismus, unser ständiges Gefühl der Unzulänglichkeit? Wer suggeriert uns ständig: So, wie wir sind, sind wir nicht gut genug? Warum legen wir so viel Wert darauf, mit Mitte 30 noch als jung/jugendlich bezeichnet werden zu wollen? Warum verlegen wir das Erwachsenwerden lieber auf morgen? Warum bedeutet Effizienz alles? Kann man sich ein Image mit den angesagtesten Markensneakern erkaufen?

Können wir aus diesem System noch ausbrechen? Wir brauchen doch unsere unterbezahlten Jobs und die Kohle: Für die geile Altbauwohnung mit dem Fischgrätparkett und den Flügeltüren, die vielen Reisen, das neue Fahrrad, all die Gin-Tonics. Und das alles brauchen wir, weil … also ja, weil … Ähm. Hm. Ja.

Michael hält uns einen Spiegel vor, wir sehen uns selbst darin an der Nase packen. Ich bin neidisch auf den, der sich nur in der Nase bohren sieht, weil er sich nicht angesprochen fühlt. Davon gibt es sicher auch genügende. Das sind vielleicht die, die sich einen Zeitschriften-Ständer fürs Gästeklo zum Geburtstag wünschen.

Der Rest brachte beim Lesen von Michaels Artikel „Generation Beziehungsunfähig“  die Server der Seite „im Gegenteil“ fast zum Abrauschen und ebnete damit den Weg für seinen Durchbruch.

Das Buch kann sehr gut in einem Rutsch durchgelesen werden – lieber aber doch häppchenweise. Nach spätestens drei Texten braucht wohl jeder, der bewusst liest, eine kurze Pause. Michael schreibt zwar mit einfachen, klaren Worten, aber bei aller Leichtigkeit ist sein Buch eben doch keine leichte Kost. Die Erkenntnis „Fuck, ja, genau so ist es“ zwingt einen ja doch, sich Gedanken zu machen. Weil es nicht nur um die eigene Beziehungsunfähigkeit, den eigenen Perfektionismus, die ewig eigenen Probleme geht, sondern letztlich um die ganze Gesellschaft, die ständig konsumiert, alles – und jeden.

Tja.

 

Die Lesung am 25.4.2015 im CinemaxX in Augsburg

Ja, ein Sympathischer ist er, das war schnell klar: Michael versteht sich in Selbstironie. („Wieso lacht Ihr? Ich trage Schwarz. Das macht schlank.“ – Vorsichtshalber erwähnt: Ja, ist er auch.) Michael reagiert schnell und lässig auf seine Umgebung. Das schlechte Leselicht – stört ihn nicht. Er liest von einer losen Blattsammlung, arrangiert das Gelesene auf einen Haufen und mit Anekdoten und plaudert mit dem Publikum, als säßen wir alle zusammen in einer Kneipe. Und natürlich greift er immer dann zum Bier, wenn es richtig spannend wird …

Danke an dieser Stelle noch mal für die Einladung von Omundo Media, die ich gerne angenommen habe. Rund herum hat das Ganze wohl auch die Zeitschrift „Freundin“ organisiert, die uns mit Sekt in diversen Geschmacksrichtungen und Goodiebags versorgt hat. Das hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. Passender hätte ich es gefunden, wenn das Ganze zum Beispiel im Kulturpark West stattgefunden hätte. Oder im Augsburger Theater, wenn es frisch saniert ist. Bis dahin wird Michael doch bestimmt sein nächstes Buch fertig haben!

Was ich von der Lesung mitgenommen habe? Das Buch (nicht genommen, gekauft natürlich) und die Erkenntnis, dass wir uns alle ähnlicher sind, als wir es bei all dem Drang nach Individualismus oft meinen: Wir suchen die Beziehung zum tollsten Menschen der Welt – und uns selbst. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, uns darüber hinaus allen Menschen zu öffnen: Nicht für multi-amouröse Beziehungen unbedingt (wer mag, nur zu!), sondern grundsätzlich und überhaupt. Die Zeit scheint dafür reif zu sein.

Nicht nur vielleicht.

 

Hier liest Michael Euch noch die Leviten, nein, was vor!

Die weiteren Termine der Lesereise:

2. Mai Paderborn
3. Mai Stuttgart
4. Mai Magdeburg (ausverkauft)
6. Mai Göttingen
7. Mai Berlin
8. Mai Delmenhorst
9. Mai Hamburg (ausverkauft)
10. Mai Frankfurt (ausverkauft)
12. Mai Kiel
13. Mai Rostock
19. Mai Berlin (ausverkauft)
23. Oktober Leipzig
1. November Köln
8. November München

Alle Angaben ohne Gewähr und mehr Infos (auch zum Karten-Kauf) und zu Michael Nast findet Ihr auf seiner Seite www.michaelnast.com.

0

Auch interessant

1 Kommentar

Antworten

hmpfjamussichmirwohlmaldurchlesen… (hier den Smiley, der mit halbgesenkten Augenlidern zur Seite guckt; hindenken)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Required fields are marked *

*