Wieso sehen sich Leute Germany’s Next Topmodel an, die es besser wissen müssten? Eine Dekade schrilles „Ich habe heute leider kein Bild für dich“-Quietschen sollte doch reichen. Aber wir Zuschauer sind unverbesserlich und unersättlich. Natürlich wissen wir, dass da kein „Topmodel“ hervorgeht. Welche der Ehemaligen kennt man heute schon?

Am ehesten noch Lena, die erste Erste, und ein paar andere, deren Namen und Platzierung wir nicht mehr im Kopf haben. (Mit jeder Sendung verliert man sicher 52 Gehirnzellen, +/-7. Studien dazu folgen sicher noch.) Und auch wenn wir wissen, wie beinahe physisch schmerzhaft es ist, da zuzusehen; auch wenn wir wissen, welche Mädchen dort wieder auftauchen und uns unsäglich nerven werden; auch wenn uns jemand „verrät“, dass alles ohnehin gecastet ist – ahnen wir doch eh – sehen wir eigentlich klugen Leute uns diesen Dreck auch 2016 wieder an. Mit dem größten Vergnügen, versteht sich!

 

Die Magie von Trash-TV

Ich spreche nicht im Pluralis Majestatis: Es gibt genügend Menschen wie ich, die offiziell zu alt dafür sind, dieses Mädchen-Blabla zu gucken und noch dazu inoffiziell auch hundertprozentig viel zu klug für so ein Format. Aber: Wo sonst kann man so dreckig lästern und sich herrlich aufregen? Auf eine politisch gar nicht mal so inkorrekte Weise – weil es anders einfach gar nicht geht. Aufregen zum Überleben. Das kollektive Entsetzen ergießt sich in meiner Twitter-Timeline. Brachte #GNTM Twitter gar zum Erliegen?

Nachträglich tut es mir fast leid für all die Freds, die heute ihr Fett auf den sozialen Kanälen weg bekamen; Fett, das sie natürlich gar nicht haben, denn alle Mädchen sind sie mal wieder: Sehr, sehr dünn und sehr groß, ein paar mit deutlich Brüsten, die irgendwann wegen „ihrer doch nicht so Laufsteg-kompatiblen Figur“ ausgesiebt werden, vermutlich in der vor-vorletzten Runde, damit es auch wirklich gerecht zugeht. Diesmal dürfen und sollen sie etwas Individuelles haben; wenn nicht, kann man sie immer noch als klassische Schönheit zurecht reden.

Gerecht ist bei GNTM natürlich nichts: Alleine schon das neue System, das an andere Musik-Casting-Shows erinnern lässt. Da wird gebuzzert und gestritten, wir kennen es von Pro7 ja schon: Soso, aha, Hayo und Michalsky kabbeln sich, ihre verbalen Duelle steigern sich von Mal zu Mal um … genau gar nichts, außer in der Lautstärke. Heidi schlichtet, zähmt die Löwen, gibt genau immer demjenigen das Mädchen ins Team, der sie 0,5% weniger wollte. Natürlich ist es am Schluss eh egal, wer in welchem Team ist, weil die, die gewinnt, ohnehin nach sechs Wochen wieder vergessen sein wird, wenn der letzte GNTM-Finalistinnen-Aufsteller im DM wieder ins Lager verräumt wird. Übrigens braucht keiner den Superduper-Rasierer, den Gillette uns am Ende der Staffel präsentieren wird. Der erste (Türkise mit ohne Schnickschnack-Klingen) ist immer noch der Beste. So wie Lena.

Warum, warum nur geht Germany’s Next Topmodel auch 2016 in die nächste Runde?
Weil Pro7 noch ein paar ganz (!) schlaue Verneubesserungen auf Lager hat, mit denen wir so niemals (!) gerechnet hätten.

 

Blasse Schwarz-Weiß-Malerei

Anstatt auf Bad Cop/Good Cop zu setzen wie in den vergangenen Staffeln flankieren dieses Jahr also zwei böse Buben Frau Klum. Michael Michalsky (Designer) und Thomas Hayo (der Artdirector von fast eh und je, kennste, come oooon!) versuchen mit Macho-Gehabe zu kompensieren, was Heidi in ihrer Rolle als disziplinierte Eiskönigin wie immer mangeln lässt. Dennoch fehlt ein echter Gegenpart; einer, der für die sanften Emotionen zuständig ist – wie der mal weinerliche, mal väterliche Joop oder der extrovertierte, extravagante Rolfö.

Dieses Jahr stülpt man den Juroren ihre Rolle lieber direkt über: Der eine bekommt einen schwarzen Anzug, der andere einen weißen. Das Plakative ist so banal, dass man darüber nicht mal mehr staunen kann. Die einzige Frage ist, warum Heidi ebenfalls parteiisch gekleidet ist.

Germany’s next Topmodel hat dieses Jahr – bereits nach der ersten Ausstrahlung! – viele ausgerenkte Kieferknochen zu verantworten. Regt man sich nicht unfassbar darüber auf, ist es neben Bob Ross das perfekte Format zum Einschlafen.

 

Warum dann Germany’s Next Topmodel?

Vermutlich braucht jeder seinen eigenen, höchst individuellen Läster-Katalysator. Für die einen ist es der Dschungel. Andere gucken den Bachelor. Andere wiederum schauen einfach alles. (Diesen würde ich zum Erhalt restlicher Würde und Gehirnzellen als Ausgleich doch lieber Sport vorschlagen: Beginnen Sie ganz einfach mit dem Krafttraining „Fernseher hochheben“ und machen mit dem Ausdauertraining „zum Fenster tragen“ weiter. Zum Cool Down schmeißen sie die Kiste einfach raus. Sie werden eine Endentspannung erleben, die Sie beim Yoga so niemals hätten!)

Leider ist es einfach nur menschlich, sich durch Lästern verbunden zu fühlen. Es ist peinlich, beschämend und politisch natürlich absolut nicht korrekt, aber diese Sendeformate bieten dafür bequem Platz. Sie heischen geradezu danach, sich darüber aufzuregen. Stell Dir vor, es läuft Germany’s Next Topmodel, und niemand regt sich drüber auf. Dann müssten sie ja fast Sinnvolles im Fernsehen bringen, und vielleicht würde ein guter Film, der sonst bei ARD mittwochs nach 2 Uhr nachts gezeigt wird, auf den heißbegehrten 20:15-Sendeplatz rutschen. Die Menschen könnten gebildet werden. Zum Glück verfolgt das private Fernsehen keinen Bildungsauftrag und kann lustig mit GNTM weitermachen. Solange, wie Heidis Botox (Spekulation!) oder Make-Up oder Pony eben wirkt.

Natürlich ist es bei GNTM beschämend, dass die Lästerei zulasten 16-jähriger Mädchen geht. Verdienen die nicht Welpenschutz? „Selber schuld!“ sagen wir uns – es ist eine schale Ausrede, aber wenn es ja doch nur eine Sendung mit Skript ist, werden sie für ihre Schmach hoffentlich auch genügend entlöhnt, vielleicht mit einem Kinder-Menü bei McDonalds. Ich hoffe, das Spielzeug ist dann auch ein Schönes, vielleicht ein Mini-Lipgloss. Mit Extra-Glitzer, mmmmh!

Wir befeuern ein Format, das merkwürdige Welten generiert, die nicht existieren dürften. Es sollte FSK 16 gelten, damit keine weiteren 12-jährigen Mädchen auf die bescheuerte Idee kommen, später dort mitwirken zu wollen. Bitte, liebe Eltern, sagt Euren Mädchen: „Das ist keine Castingshow. Das ist eine Dauerwerbesendung für Maybelline, Gillette Venus und Opel. Die eigentliche Hauptrolle spielt Boris Entrup, das ist der, der so schön schminken kann oder meint, es zu können oder es so komisch machen muss, weil Maybelline sagt, das muss so, damit die neuste Tusche am besten in Szene gesetzt werden kann.“ – „Mama, wofür brauch ich die neuste Tusche?“ – „Weil es die drölfzig Sorten vorher nicht brachten. Jedenfalls hat das die Marketing-Abteilung so beschlossen. Du musst als echter Mensch Wimpern haben, als hätte man dir fünf Reihen falsche angeklebt, verstanden? Und jetzt geh auf die Toilette und übergib dich, ein Apfel und eine Karotte waren für heute schon viel zu viel, du willst doch ein Topmodel werden!“

Wir verstehen diese Welt selbst nicht, können und wollen sie nicht verstehen, aber wollen sie sehen – weil es einfach Spaß macht, auf eine unglaublich primitive Weise, die wir im Alltag in dieser Form oft nicht haben. Weil wir sonst so stur korrekt sein müssen. Oder weil wir in der Realität den Anstand besitzen, unsere Lästerklappe zu halten. Weil da die Konsequenzen mehr weh tun, wir uns der Macht der gesprochenen Worte mehr bewusst sind und die Opfer direkt zurückschlagen könnten – wie peinlich. Wer ist dann am Ende peinlich? Wir selbst? Nicht doch.

Könnten sie 2017 nicht bitte einfach Cyborgs statt Models über den Laufsteg scheuchen?
Könnte ich bitte 2017 über diesen Mist erhaben sein und Donnerstag Abend lieber ins Fitness gehen oder ein gutes Buch lesen?
Kann ich jetzt noch abbrechen?
Ab-brechen macht aber leider zuviel Spaß.

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2 comments

Antworten

Super geschrieben und perfekt getroffen. :)

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Danke! Es musste halt raus 😉

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