Stell Dir vor, Du lebst in Bayern und magst kein Bier. Höchstens Karamalz. So ging es mir jahrelang. Dass ich so lange in Bayern geduldet worden bin, ist mir unverständlich. Vermutlich muss ich es jetzt verlassen, weil ich mich hier öffentlich zu einem österreichischen Brauhaus bekenne. Aber wie kam es, dass ich ausgerechnet mit Gösser Radler in den Ritus des ****Zisch!****Aaaaaaaah!**** eingeweiht worden bin?

Gösser Radler – ein österreichisches Bier, das ich nicht in Österreich kennenlernen durfte. Hääääääh?

Meine Mutter ist Österreicherin, mein Vater halber – rein mathematisch bin ich also dreiviertelte Österreicherin. Ganz in der Nähe der Österreichischen Grenze wuchs ich auf und verbrachte fast jedes Wochenende bei meinen Verwandten im Salzburger Land. Da gab es vor allem Stiegl Bier, das mich in irgendeiner Form anfixte. Im Gegenteil – Bieratem fand ich immer ziemlich eklig. Von Bierrülpsern will ich gar nicht erst reden. Wie ich erst Jahre später herausfinden sollte, funktionieren Biermarken wie Automarken oder die Entscheidung zwischen Katze oder Hund. Lange konnte ich nicht mitfachsimpeln, was davon nun am besten ist, und konnte keine Antwort mitrülpsen.

Parties waren früher eine Qual für mich. (Ich rede mich hier auf den geringen Alkoholgenuss heraus, um die gesellschaftlich wenig anerkannten Tatsache unerwähnt lassen zu können, dass so eine Feierei für viele Intros ohnehin kein Riesenvergnügen ist.) Während alle anderen längst besoffen waren und den Namen ihres imaginären Freundes tanzten, klebten meine Finger am Rand der Tanzfläche an einer Cola fest und ich betete, dass ich heim schaffen würde, bevor einer kotzt oder mir ein Fremder „Mach dich locker!“ oder gar „Lächle mal!“ mit seinen Bieratem ins Gesicht haucht. Wenigstens hatten meine Freunde immer jemanden, der auf die Jacken aufpasst. Bis eines Tages zwei besonders leckere Typen auf mich zukamen, Herr Gin und Herr Tonic. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

Mein erstes ****Zisch!****Aaaaaaaah!**** statt ****Zisch!****Bah!****: Das kam so.

Auf Gösser Radler stieß ich also nicht, wie schlaue Füchse vielleicht vermutet habt, in Österreich. Und auch nicht beim Feiern in einem coolen Augsburger Club. Gösser gibt es ja erst seit Kurzem innerhalb unserer Stadtgrenzen.

Gösser Radler war ein Lichtblick, ja die ultimative Versöhnung, dass das Leben doch noch gut sein kann, am Abend eines meiner schlimmsten Tage überhaupt – in Italien.

Vor gefühlt hundert Jahren passierte es im Urlaub. Mit der österreichischsten Person der Familie wollte ich Kultur erleben. „Lass uns nach Padua fahren“, drängte ich meine Mutter, bevor wir den Urlaub überhaupt angetreten waren. Auf Wikipedia sah diese Stadt ganz ansprechend aus, und wir kannten sie noch nicht. Ich druckte die wichtigsten Informationen aus. Ihr ahnt es: Dieser Urlaub fand prä-Smartphone statt.

Hinter dem Ferienhaus gab es einen hübschen Garten, in dem die Vögel jeden morgen optimistisch trällerten. So auch an dem Morgen, an dem wir uns Richtung Padua aufmachten. Wir tankten die blaue Familienkutsche unterwegs noch an einer Ein-Mann-Tankstelleim Nirgendwo. Sie erinnerte an einen Jim Jarmusch-Film. Amüsiert fuhren wir weiter. Das Lachen sollte uns schon bald in unseren trockenen Mündern stecken bleiben.

In Padua angekommen, fanden wir schnell einen Parkplatz. Dirigent der Reise war ich, also notierte ich pflichtbewusst den Namen der nächsten Haltestelle: Via Piovese. Damit wir abends wieder zurückfinden. Ein scheppriger alter Bus kam an, schnell sprangen wir hinein und waren auch schon fünf Minuten später mitten im Zentrum Paduas – was für eine herrliche Stadt! Zumindest für zwei Sekunden. Es war heiß. Verdammt heiß.

 

Siesta? Och. DOCH.

Unglücklicherweise waren zur Tagesmitte angekommen: Die Sonne brannte auf den fast leergefegten Platz. Ganz sauber gefegt war er aber nicht: ein paar Staubflimmerchen surrten durch die Hitze. Wir hörten das Murmeln ein paar sommermüder Touristen. Ihre Nacken leuchteten rot, kontrastiert von weißen oder grellbunten, merklich durchgeschwitzen T-Shirts und ebenso bunten Caps. Meine Mutter und ich, beide unbehütet, flüchteten die nächsten Stunden von einer Kirche in die nächste. Am Meer war es selbst zu dieser Uhrzeit nie so heiß gewesen, flüsterten wir uns in einer ermattet zu. Die Paduaner machten es hingegen alle richtig – die hielten natürlich Siesta.

Obwohl ich sonst bei allem über 26°C zu meckern beginne, genoss ich die schöne Altstadt. Es war schon gut auszuhalten, wenn ich mich nur langsam genug bewegte. Wweit weniger gut ging es jedoch meinerMutter. Sie bewegte sich irgendwann so langsam, dass ich befürchtete, sie kippt jeden Moment um. Die ganze Zeit über quälte mich ein schlechtes Gewissen. Als wir endlich einen Platz in einem Restaurant gefunden hatten, hatte sie ihr Wasser binnen meiner Pizza-Bestellung leergetrunken. Müde und lustlos kauten wir auf den trockensten und ekligsten Pizzen herum, die man überhaupt in Italien finden kann. Gleich danach wollten wir zurück zur Busstation, ich musste noch kurz aufs Klo und erschrak: Hinter der Tür war kein Klosett, sondern nur ein kleines Loch im Boden mitten im Raum. Nach zehn Minuten hatte ich herausgefunden, wie ich überhaupt pinkeln kann, ohne mich selbst dabei zu erwischen und ohne dabei umzukippen. Wer schon mal nach drei Tagen Durchmachen einen Power-Yoga-Kurs machen musste, weiß, was ich meine. Ich wollte nur noch eines: Heim.

 

Wie „Via Piovese?“ zum Antimantra wurden.

Aber wir sind ja gleich wieder beim Auto! Und schon bald daheim! Diese Gedanken gaben mir den Auftrieb, mich wieder in normaler Geschwindigkeit Richtung Bushaltestelle zu bewegen. 15 Meter hinter mir die Mama, übelst fertig.

Optimistisch hüpfte in den nächsten Bus: „Via Piovese?“ Nix da, schüttelte der Busfahrer seinen Kopf, die Falten warfen tiefe Schatten auf den Zettel, den ich ihm unter die Nase hielt. Die Türen schlossen sich mit einem Zischen, und der Bus zischte davon. „Macht nichts, fragste eben ein paar Leute, welcher Bus dahin fährt,“ dachte ich mir –und staunte nicht schlecht, dass man in Padua kaum Englisch spricht. Auch – und gerade! – keine Carabinieri, die in ihren schönen Uniformen so sprich-mich-an-mäßig auf einem kleinen öffentlichen Platz herumstanden. Einer verriet mir, wo sich die Touristen-Info befindet: Irgendwo ganz wo anders, wenn ich ihn richtig verstand. Ich sah in die Richtung, in die seine Hand gewiesen hatte, und in der anderen meine Mutter, trotz Sonnenstich merklich blass um die Nase. „Das muss anders gehen“, dachte ich mir. Und, dass Italienisch lernen eine feine Sache wäre.

 

Das längste Tapp-Tapp der Welt

Am Rand des Platzes entdeckte ich einen Klamottenladen. Meine Mutter kippte vor Schreck um, weil sie dachte, dass ich jetzt auch noch shoppen will. Aber nein: „Do you speak English?“ An der Kasse sah ich – wie vermutet, Bingo! – einen Computer mit einem dicken, grau-gelben Röhrenbildschirm. Ob der Verkäufer bitte einmal kurz diese Adresse bei Google Maps eingeben könne, bat ich ihn. Großer Einsatz wieder für meinen Zettel. Dass da überhaupt ein öffentlicher Parkplatz wäre, wunderte den Verkäufer mit dem massiven, freundlichen Gesicht. Er und der PC sahen sich ein bisschen ähnlich. Mein Magen sank auf Kniehöhe. „Via Piovese!“ meinte er und tappte auf den Screen: Einmal hier. Und einmal dort. Zwischen den beiden Tapps lagen viele Sekunden. In mein entsetztes Gesicht hinein bestellte der Mann ein Taxi. Das klappt schon, lächelte er. Ich bedankte mich, widersprach ihm nur in Gedanken und trat still den Rücktritt an.

In meiner Vorstellung passierte nun all dies gleichzeitig: Unser Auto ist weg. Wir werden als Obdachlose in Padua enden und brüllen alle mit „Via Piovese?“ an, ich die Irre mit dem vergilbten Zettel. Ganz sicher werden wir lebenslang eingesperrt, weil wir auf einem illegalen Parkplatz geparkt haben, der als Italiens größter Dealer-Treffpunkt bekannt ist und der just heute hochgenommen wird. Auf jeden Fall hat jemand alle Reifen aufgeschlitzt. Wir müssten den Zug nehmen – wie bekommen wir unser ganzes Geraffel im Zug wieder nach Deutschland zurück? Wir haben doch wäschekorbweise unseren halben Hausstand dabei, wir wir das im Urlaub im Ferienhaus immer so machen. Meine Mutter klappt hier in Padua zusammen und muss ins Krankenhaus. Sind wir hier überhaupt versichert? 

Ich hab Euch ja schon mal verraten: Sorgen machen kann ich super. Hitze und Hoffnungslosigkeit wirken als zusätzliche Katalysatoren.

 

Taxi, Taxi!
Oder: Was Zeit mit Hoffnung und Ohnmacht zu tun hat.

„Wir fahren jetzt die ganze Via Piovese ab, bis wir diesen ominösen Parkplatz finden“, lächelte uns der nette Taxi-Fahrer an. Er sprach gut Englisch und gab uns neben der langen Fahrt noch eine perfekte Stadtführung: So viel hätten wir sonst nicht erfahren. Was alles, habe ich gleich wieder vergessen. Zu hoch der Adrenalinspiegel, zu müde der Geist. Meine Mutter sank neben mir auf der weichen Rückbank in sich zusammen.

Endlich bogen wir in die Via Piovese ein, eine imposante mehrspurige Straße. Flache kleine Häuschen, wenig charmant, ausgewaschene Farben. Klapprige kleine Autos, hier und da Palmen, kleine Supermärkte und Tankstellen. Langsam bewegten sich auch wieder Menschen auf den Straßen. Viel Industriegebiet. Aber kein Parkplatz weit und breit. Zum Glück ist die Via Piovese eine lange, lange Straße. Wir düsten die düstere Straße entlang. Das Gute: Je länger der Weg ist, umso länger kannst Du hoffen, ganz einfach, weil Du genügend Zeit dafür hast. Das Schlechte: Je länger der Weg ist, umso früher kannst Du die Hoffnung aufgeben, ganz einfach, weil Du dafür viel zu viel Zeit hast. Ich näherte mich letzterem Zustand, als irgendwo inmitten eines Haufens in der Abendsonne reflektierender Autodächer ein bekannter Blauton in mein Auge stach.

„Unser Auuuuuutoooooooo!“ Der Taxifahrer war taub und meine Mutter wieder vollständig wach. Wir gaben ein üppiges Trinkgeld und traten die Rückreise an.

 

Endlich wieder dahoam.

Übrigens verfuhren wir uns auf der Rückfahrt natürlich noch einmal, über Landstraßen ging es schließlich gemütlich zurück. Vor einem unbekannten großen Supermarkt beschlossen wir, noch Zeug fürs Abendessen zu kaufen. Meine Mutter war froh, mittendrin Radler zu entdecken: „Komm, Miriam, du trinkst dann auch eines, auf den Schreck hin!“ Ich war zu erschöpft, um zu protestieren. Daheim in der Ferienwohnung, auf dem so angenehm bekannten, fest betonierten und auf einmal so wunderschönen, sicheren Balkon über unserem blauen Auto öffnete ich skeptisch die grüne Dose. Sie zischte. Es roch nach Zitrone und gluckerte ganz wunderbar frisch in meinen Rachen hinein. Und tatsächlich, ja, es schmeckte. Oh ja, und wie!

Es war ein Gösser Radler.

 

Euch allen einen schönen Muttertag – lasst uns anstoßen!

Heute ist Muttertag! Jeder hat das eine oder andere Beeindruckende mit seiner Mama erlebt: Feiert sie, feiert Euch, feiert, was Ihr alles zusammen erlebt habt. Ich hoffe, es hat bei weniger Grad stattgefunden und war mit weniger Angstschweiß verbunden. Und feiern wir auch, dass wir heute immer Googlemaps in der Hosentasche haben, und dass es überall Menschen gibt, die einem weiterhelfen.

Darauf ein Gösser Radler.
**** Zisch! **** Aaaaaaah.****

So schmeckt Gösser Radler

 

 

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