September 2017, Berlin. Ehemals beliebte Stadtteile wie Mitte sind wie leergefegt. Touristen aus allen Ländern und schwäbischen Kleinstädten lassen enttäuscht ihre Spiegelreflexkameras sinken. Wo sind all die coolen Künstler-Typen, die „Ich mach was in den Medien“-Leute und jungen Gründer*innen hin? Tatsächlich: Die Hipster wurden aus Berlin verbannt! Das Magazin „Mit Vergnügen“ berichtete in „Weinende Hipster & hungernde Foodies: So sähe Berlin aus, wenn alle Trends plötzlich verschwänden“. Was das mit Augsburg zu tun hat? Sehr viel. Der enttäuschte Hipster ist nämlich nach seinem kleinen Zwischenstop in Leipzig – 2017 viel zu Mainstream! – ein paar Kilometer weiter Richtung Süden gezogen. Nach Augsburg. 

Auxkvisit berichtet exklusiv aus 2018.

Augsburg: Ein paradiesisches Exil für Hipster?

Die Stadt Augsburg hat im September 2017 angeboten, 35.000 Ex-Berliner-Hipster aufzunehmen. Man hätte sich im Verlauf der vergangenen Jahre an das Phänomen der Hipster gewöhnt, ließ der ehemalige Oberbürgermeister verlauten. Für die Augsburger ist der Anblick vollbärtiger Röhrenhosentragender längst nichts Neues mehr. Die aus Berlin seien also herzlich willkommen.

Initiator war, wie könnte es anders sein, das Grandhotel Cosmopolis. Leider konnte das Grandhotel trotz langjähriger Erfahrung mit Asylbewerbern dem Ansturm der Ex-Berliner-Hipster nicht standhalten, berichtet eine Mitarbeiterin, deren Name nicht genannt werden darf, Ende 2017 unter Tränen. Zu groß ist die Pein, dass das Grandhotel seinem ehemaligem Anspruch, Bedürftigen und/oder Kreativen Raum zu bieten, nicht mehr genügend Platz einräumen kann. Die Berliner Kreativen seien einfach zu viele. Der Lebensraum ist in der Stadt Augsburg schon seit 2015 – ach was, noch länger! –  begrenzt. Noch dazu ist Augsburgs Altbau den stuckverwöhnten Hipstern zu alt. Die Fenster und Raumhöhe direkt in der Altstadt wären ihnen zu niedrig, beklagen sich die Ex-Berliner-Hipster. Die Aufnahme auf die Warteliste des Grandhotels ist mittlerweile gestoppt. In Neubau will kein Hipster, deswegen müssen sie nun Nummern ziehen, wer unter der schönsten Brücke schlafen darf. Besonders beliebt sei die Bismarckbrücke.

Bismarckbrücke
Hier: Original Augsburger auf der Bismarckbrücke im beliebten Bismarckviertel. Darunter (nicht im Bild): Ex-Berliner-Hipster richten es sich gemütlich mit Möbeln aus dem Sozialkaufhaus Contact ein. Manche von ihnen lungern auf der Brücke herum (vielleicht rechts im Bild).

 

Die Hipster haben sich deswegen verbündet und das Gaswerk besetzt: Die meterhohen Räumlichkeiten, das kreative Flair und die ramponierten Ecken sähen so nach Berlin aus, meint Ivo K., ehemals aus Kreuzberg. Die Augsburger Kreativ-Szene hat das bewilligt und eine Einigung gefunden, wie das neue Augsburger Kreativ-Areal mit den Bedürfnissen der Berliner Hipster in Einklang gebracht werden kann. Das Areal rund um den Gaskessel wird mittlerweile nur noch als „Berlinhausen“ bzw. „Kreatives Ghetto“ bezeichnet. Dass ausgerechnet seine Stadt nun ein zweites Berghain hat, entzieht sich der Kenntnis des gemeinen Augsburgers. Der würde da ohnehin nicht reinkommen.

In Your Face
Erst hängen sie Kunst auf, dann machen sie die Musik an. Augsburg-Berliner Kreative im Berghain, äääääh, Gaswerk.
Installation Wollfront im Ofenhaus – Sebastian Giussandi, Daniel Man
Für derartige Kunst-Installationen wie hier die Wollfront von Sebastian Giussandi und Daniel Man kann das Ofenhaus 2018 leider nicht mehr verwendet werden. Dort stehen jetzt Hochbetten bis unters Dach für die Kreativen.

 

Aber nicht nur der durch Augsburgs oftmals malzgeschwängerte Luft schwebende Geruch kreativen Geistes hat die Hipster nach Auxburg gelockt: Deutschlands bester Barbier Sezer Soylu befindet sich nunmal in dieser Stadt. Das kostenlose Willkommens-Package der Stadt Augsburg für gestrandete Ex-Berliner-Hipster umfasst eine 1,5-Minütige Vollrasur des Gesichtsbereichs inklusive einem Filterkaffee und einem Stück Datschi. „Ein bisschen anpassen müssen die sich halt schon“, so der neue Oberbürgermeister. „Wie soll man die denn sonst von den Augsburger Hipstern unterscheiden?“

Die zusätzlich eingestellten 43 Barbiere und Barbierinnen – Sezer Soylu musste seinen Laden schlagartig vergrößern; die Stadt Augsburg hat ihm nach einem Kooperationsantrag den Dom dafür überlassen – beklagen sich bereits über die Probleme wegen der Sprachbarriere. Die Berliner würden immer so entsetzt dreinschauen, wenn sie „woisch“ sagen. Die Hipster wissen nicht, was sie darauf antworten sollen (einmal Nicken und Grunzen oder Schulterzucken würde reichen). Die traumatisierten Barbiere und -innen wissen sich nur zu helfen, indem sie den gesamten Vollbart in einem Ratsch abreißen. Die nach der Verheilung wieder beinahe glatten Gesichter würden ohnehin besser ins Stadtbild passen, freuen sich die Ur-Augschburger. Sie hatten in den letzten Jahren schon zu sehr unter den vollbärtigen Augsburger Hipstern zu leiden: Stylischer Typ oder Islamist in Karo-Hemd-Tarnung, woher soll man das schon wissen? Wen die Narbenbildung zu sehr störe, der könne immer noch eine Clownsmaske tragen, so Ratzfatz-Ab-Stylistin Yvonne. Abgesehen davon sei seit Ende 2016 ohnehin wieder Schnauzbart angesagt. Einmal zwirbeln lassen kostet schlappe 8 Euro. Pro Seite.

 

„Endlich darf ich meine Birkis wieder tragen!“
Eric H., Ex-Berliner-Hipster

 

Wurde ihr Stil in Berlin ständig von Ahnungslosen bekritelt und belächelt, dürfen die Hipster in Augsburg immerhin wieder ungestraft Birkenstocks tragen. Mit diesem Schuhwerk fallen sie im tendenziell praktisch und öko-angehauchten Auxburg nicht weiter auf. Spätestens das omnipräsente Kopfsteinpflaster bietet die perfekte Ausrede dafür, die flachen Latschen auch außerhalb der eigenen Wohnung zu tragen. Schuh Beitelrock berichtet, dass sich neben dem Modell Gizeh, das von je her sehr bei den Augsbugern beliebt war, nun auch endlich wieder das Modell Arizona in rauen Mengen verkaufen lässt. Die Firma Birkenstock ist bereits im Gespräch, das ehemalige Gelände von MAN und auch OSRAM zu übernehmen, um der Produktionsanfrage gerecht werden zu können.

Bei Ihrer Einreise wurde den Hipstern die Jute-Beutel und Turnrucksäckchen entnommen. Sie erhielten im Austausch einen Deuter-Rucksack. Enthalten waren:

  • Das Willkommens-Package der Stadt Augsburg, eine Sammlung Gutscheine für Augsburger Läden und Museen sowie für den Zoo,
  • ein Paar neue Birkenstocks in Einheitsgröße,
  • eine Funktionsjacke,
  • ein Gutschein für ein Stück Zwetschgendatschi & 1 Tasse Kaffe auf dem Augsburger Stadtmarkt,
  • ein 250-Euro-Gutschein für Möbel aus dem Segmüller,
  • ein Ticket für das letzte Modular 2018 auf dem Augsburger Plärrer,
  • ein Wörterbuch „Deutsch-Schwäbisch“,
  • und ein Handbesen mit -schaufel für die Kehrwoche.
Wohin soll die Reise gehen?
Kurz danach ist der Sonderzug mit 35.000 Ex-Berliner-Hipstern nach Augsburg HBF eingefahren.

 

Augsburgs Einzelhandel jubiliert

Die Ex-Berliner-Hipster wollen in ihrem neuen Lebensraum keine hippen Berliner Klamotten, Accessoires und Möbel mehr besitzen. Sie sähen keinen Grund mehr dafür, Berliner Jungdesigner zu unterstützen oder präsentieren, beklagt sich Jan O., Ex-Berliner-Hipster aus Mitte. Sie wollen jetzt mal etwas Neues, streichen ihre Wände in oranger Wischtechnik und geben auf dem Schwarzmarkt Tausende für Kacheltische und Möbel aus schwarzem Chrom und mit Glas aus. Augsburger Tätowierer stechen wieder asiatische Schriftzeichen über Füchse und geometrische Formen. Die Berliner Hipster wollen sich eben von den Augsburger Hipstern unterscheiden, verrät Ole N. In einen Neubau wollen sie dennoch nicht ziehen. „Es gibt Grenzen!“, empört sich Ole N. und streicht mit einer etwas zu scharfen Bewegung – Übersprungshandlung! – über seine Wange. Er zuckt zusammen, als er die blanke Haut spürt. CampusCat schiebt derzeit Überstunden als schnurrender Mediator, aber selbst dem sonst immer so relaxten Star-Kater wird der Aufwand langsam zuviel. „Ich tue mein Bestes, aber die Berliner reden immer davon, dass sie lieber ein funkensprühendes Einhorn streicheln möchten“, seufzt er und streicht mit einer orange-getigerten Pfote müde über die mittlerweile komplett ergrauten Schnurrhaare.

Was sie auf ihrer Flucht mitgenommen haben, verschenken die Ex-Berliner-Hipster großzügig an stilbedürftige Augsburger.

Birgit F. vom Slow-Fashion-Laden ONIMOS führte im März 2018 ihr Zweitlabel BONIMOS ein. Darüber verkauft sie ausschließlich die Kleidung, die ihr die Hipster günstig überlassen haben. Mausgraue Oversize-Pullover aus 100% dreifach gekämmter Wolle von Berliner Dachterrassen-Kaschmirziegen sind nun für günstige 399 Euro (50% vom OVP) zu erstehen.

(Um die übrig gebliebenen und mit sofortiger Wirkung arbeitslosen Kaschmirziegen auf Berlins Dachterrassen soll sich bereits Greenpeace kümmern. 80% der Ziegen wurden bereits umgeschult, caprinsäurelose Milch zu produzieren. Die restlichen 20% sind nach wie vor vermisst. Augenzeugen berichten, dass sie in der Nacht vom 21. auf den 22. Februar 2017 über die Grenzen Polens gestürmt sind, wo bereits einheimische Ziegen auf sie gewartet haben sollen. Sie hätten die Flucht via Tinder organisiert haben, meckert Ziege Paula, die zu langsam war und festgehalten worden ist. Polen kämpft nun mit einer überdurchschnittlichen Ziegenpopulation.)

Klamotten und Taschen im ONIMOS
In ihrem Laden ONIMOS sei kein zusätzlicher Platz für die vielen grauen Sachen der Berliner gewesen, so Birgit F.

 

 

Vermittler zwischen Augsburger und Ex-Berliner-Hipstern

Besonders kooperations- und aufnahmebereit den Ex-Berliner-Hipstern gegenüber zeigen sich: Die schwarze Kiste, der City Club/das City Café, das Picnic, die Färberei und das, was früher mal Pow Wow hieß, sowie die Golden Glimmer Bar und Hallo Werner sowie alle Läden, die in der Ludwigsstraße zu finden sind und das Kreuzweise.

Wurden die Ex-Berliner-Hipster von den Augsburger Grantlern nur verhalten bis gar nicht aufgenommen, so war die Aufnahme in oben genannten Etablissements bei den jungen Augsburgern sehr freundlich, ja schon direkt euphorisch. Man habe sich gegenseitig die Vollbärte gekrault. Die Hipster fühlen sich dort akzeptiert, kommod und zuhause. Das sähe ja schon fast ein bisschen nach Berlin aus, freute sich Jana Z., vormals aus Kreuzberg. Die Berliner Hipster waren überrascht, welch coole Theater-Konzepte es in der bayerischen Großstadt gibt – solche hätten sie vorher nicht gekannt. Es sollen jedoch ein paar Streits entbrannt sein, wie lange der frisch von Hand aufgebrühte Filterkaffee zu ziehen habe. Bei einem August Gin habe man sich aber gütlich einigen können. Bis zu dem Moment, als entschieden werden musste, welches verdammte Gemüse oder Obst oder Kräuter in den Gin Tonic gegeben werden soll. Um weitere Eskalationen zu vermeiden, gibt es in der Golden Glimmer Bar nur noch Gin pur. In einer Sorte.

Besonders freut die Hipster der in Augsburg noch freie Verkauf von Chiasamen und weiterem unnötigen Superfood-Gedönse in den Drogerien wie dm, Rossmann und Müller und den Bio-Läden Basic und Alnatura. Bei Ruta Natur können sie die Samen sogar ohne Verpackung kaufen! In Berlin mussten sie sich in den letzten Monaten mit Vogelfutter behelfen, schrieb Mit Vergnügen Berlin im eingangs erwähnten Artikel. Augsburger Augenzeugen berichten, wie sich Ex-Berliner-Hipster just nach ihrer Ankunft am 7/8-fertig gebauten neuen Bahnhof wie ausgehungert auf die Vogelhäuschen gestürzt und/oder alles vom Boden aufgeleckt haben sollen. Behutsam sollen die anwesenden Augsburger den Berlinern kommuniziert haben, dass der Verkauf, Besitz und sogar Konsum von Chiasamen in Augsburg vorerst noch legal ist. Dass ordinäre Leinsamen genau so gut sind, sollen einige der Berliner in ihrem Hungerwahn endlich eingesehen haben. Die ballaststoffreichen Überreste in der Kanalisation machen nun den Stadtwerken schwer zu schaffen. Die im April 2018 erhobene Scheiße-Steuer, gültig für ganz Augsburg, führt zu einer neuen Welle der Empörung. „Mit meinem Datschi und den Spätzle jeden Tag ist meine Scheiße körnerfrei!“, grantelt Horst H., 67, Augsburger in 12. Generation. Sein Gesicht ist trumprot; er fährt sich hektisch durch den fettigen Schnauzer. Zum aktuellen Zeitpunkt befindet er sich leider in der Uniklinik Augsburg und kann keine weiteren Interviews mehr geben. Darmverschluss.

 

Retro-Ambiente innen
Auch im Café Himmelgrün wurden erste Hipster gesichtet.Sie lieben das gesunde Brot der Bio-Bäckerei Schubert. (Im Hintergrund: Vermutlich Augsburger. Bild aus dem Archiv von 2015)

 

 

 

Es wird eng in Augsburg!

Die Beliebtheit der Schwarmstadt Augsburg wird ihr nun zum Verhängnis. Schnellten die Mietpreise in den letzten Jahren bereits enorm in die Höhe – Bloggerin Miriam Lochner von auxkvisit.de berichtete bereits –, zahlt der Augsburger und zugezogene Ex-Berliner-Hipster nun durchschnittlich 2340 Euro kalt für eine 17-qm-Wohnung. Pro Woche. Die Hipster lösen das Problem nun so, dass sie zu Zwölft einziehen und sich somit immerhin die Heizkosten sparen.

„Der Geruch von 12 Paar Birkenstocks ist unerträglich!“
Jana Z., Ex-Berliner-Hipsterin

Eine zusätzliche Belastung stellt der Freigeist der Berliner dar: Sie sähen es nicht ein, etwas anderes als etwas Kreatives/in den Medien/in der Kulturwirtschaft machen zu wollen, sagt Ole B., Sprecher der Bewegung „Berliner*innen in Au*burg“. Augsburg hatte schon vorher mit einer überdurchschnittlichen hohen Anzahl Kreativer zu kämpfen – 20 % sollen es da bereits gewesen sein. Zuviel für eine Stadt, die ehemals eine Fabrikstadt war und sich auf ordentliches Handwerk zu besinnen wusste. Sämtliche Versuche, die Ex-Berliner-Hipster und Hipsterinnen als Weber und Weberinnen einzusetzen, schlugen fehl. Die Hipster webten in jede ihrer Arbeiten geometrische Formen. „Des hätt doch einfarbig blau sein solle!“, beklagt sich Werher H., Weber-Meister aus Augsburg. „Und dann hätt’ die noch 1 kupferfarbenen Faden gnomme!“ Die Stadt Augsburg bietet Berliner Ex-Hipstern bereits verzweifelt unbefristete Stellen als Beamte an.

Hinzu kommt die unablässige Weigerung der Zugezogenen, Schwäbisch zu lernen. Erwähnte Bloggerin Miriam L.  sympathisiert unverständlicherweise mit dieser Einstellung und hat die Initiative „Es geht auch ohne SCH“ ins Leben gerufen. Frau L. fiel der Stadt bereits vor Jahren unangenehm ins Auge, als sie auf ihrem Blog www.auxkvisit.de wiederholt Augsburg mit einem X schrieb. Viele andere, ja sogar gebürtige Augsburger machen das ebenso. Warum, weiß man nicht. Miriam L. hat uns als Erklärung ihr Pippi-Langstumpf-Buch gezeigt, in das sie als Neunjährige „Auxburg“ schrieb, weil sie es damals nicht besser wusste. Sie hatte es damals von ihrem Stiefvater in Augsburg bei Bücher Pustet gekauft bekommen und pflichtbewusst notiert, an welchem Tag und eben auch wo das geschehen war. Aber es geht noch weiter: Einige Bäckereien bieten bereits Zwet*gendat*i an. Der Augsburger Sprach- und Dialektforscher Erwin H. reagiert entsetzt und sieht ein Ende des Augsburg-Stadt-Schwäbischem für Mitte 2019 voraus. Die adt Augsburg reagiert mit recken und Entsetzen.

Hübsches Haus im Hinterhof
Wohnungsbesichtigung im Bismarckviertel: Augsburger und Berliner-Ex-Hipster versuchen, die Vermieter mit schönen Flohmarkt-Artikeln zu bestechen. Nur wenige haben Erfolg.

 

 

Harmonie im Untergrund

Kollidieren zum Teil die Vorstellungen der Augschburger mit den neuen Bürgern, so wird doch von zahlreichen friedlichen, ja sogar lustigen Zusammenschlüssen junger Augsburger und Ex-Berliner-Hipstern berichtet.

„Was habt ihr den alle! Wir ver*ehen uns subba!“
Martin H., junger Augsburger und Berliner-Ex-Hipster-Sympathisant
(trägt selbst Vollbart und zu enge Röhrenhosen seit 2012)

In den 2010er-Jahren wurde eine Hipsterisierung Augsburgs immer wieder wahr-, aber vermutlich zu wenig ernst genommen. Dass all diese Vollbart-, Röhrenhosen- und Mützen-Träger*innen nun mit den Berliner-Ex-Hipstern sympathisieren, erschreckt den neuen Oberbürgermeister. „Das kommt unvorbereitet“, gibt er zu. Er kann aber nichts mehr dagegen machen: Erste Augsburger und Ex-Berliner-Hipster sollen sich bereits erfolgreich fortgepflanzt haben.

„Wir haben uns über Tinder kennengelernt!“
Lea Z. und Ivo H., im 3. Monat schwanger

 

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„Dass die in Augsburg einfach so auf dem Rathausplatz sitzen und da sogar Puppentheater gespielt wird, erstaunt sogar uns!“ – Hendrik C. aus Berlin

 

Die gemeinsame Schnittmenge

Um Lösungen für eine friedliche Koexistenz zu finden, hat sich der Hipster-Beauftragte, Stadtrat Xaver M. und die Ex-Berliner-Hipster zusammen mit einigen Vermittlern wie Bluespots Productions, Theter und der Raumpflegekulturverein sowie Miriam L. vom Blog Auxkvisit im City Café am 29.5.2018 zusammengesetzt. In diesem Etablissement, halb Augsburg, halb Berlin, konnten ohne nennenswerte Handgreiflichkeiten folgende Vereinbarungen getroffen werden.

 

Die Aufgaben der Stadt Augsburg:

  1. Augsburg ist verpfichtet, Wohnraum anzubieten, den sich jeder in der Kreativbranche leisten kann. Diese Regelung gilt
    a) für geflüchtete Ex-Berliner-Hipster, sowie
    b) für Augsburger/innen.
  2. Das Kopfsteinpflaster soll komplett mit einer Heizung ausgestattet werden, damit die Hipster auch im Winter gefahrlos Birkenstocks tragen können bzw. freie Knöchel bei Minusgraden. Im Bauabschnitt A wird mal wieder die Annastraße aufgerissen. Die Stadt Augsburg hat kein Problem damit; die Augsburger sind Baustellen gewöhnt.
  3. Die Stadt Augsburg bietet gratis Augentraining-Kurse an, damit Ex-Berliner-Hipster und Augsburger mit Sehschwäche endlich ihre beknackte Nerdbrille abnehmen können.
  4. Für die Yoga-Kurse (Hatha bis Flow) der Ex-Berliner-Hipster müssen sämtliche Augsburger Turnhallen ausreichend Platz anbieten; Augsburgs Yoga-Kurse reichen dafür leider nicht aus.
  5. Sämtliche Restaurants, Cafés und Kneipen müssen veganisiert werden. Die Nahrung müsse auch frei von a) Lactose, b) Fett, c) Zucker, d) Nährstoffen, e) allem sein. Alternativ dürften die Restaurants, Cafés und Kneipen auch nichts anbieten für denselben Preis.

 

Die Aufgaben der Ex-Berliner-Hipster:

  1. Der Ex-Berliner-Hipster verpflichtet sich, zumindest an den Stellen „sch“ zu sagen, wo eines schteht.
    (Regelung nach Duden, 3248902389. Auflage, Februar 2018)
  2. Der Ex-Berliner-Hipster verpflichtet sich, nicht mitten auf der Konrad-Adenauer-Allee und anderen Straßen stehen zu bleiben und den Verkehr zu gefährden, weil er gerade dringend ein Foto für Instagram machen sowie den passenden Filter und das dafür passende Emoji heraussuchen und das Ganze abschließend instagrammen und snapchatten muss.
  3. Der Hipster soll seine Spätzle verdammt noch mal essen, solange sie noch heiß sind, anstatt sie zu fotografieren.
  4. Einen Vollbart darf als Ex-Berliner nur noch tragen, wer eine nach §142422, Abschnitt 2.0 nachgewiesene Allergie gegen
    a) Nassrasur
    b) Trockenrasur
    c) Epilation mit Sugaring
    d) Epilation mit Fadentechnik
    e) weiteren Haar-Entfernungs-Methoden (physikalisch, chemisch)
    hat.
    Das Formular für die Bestätigung der Allergie kann beim Gesundheitsamt Augsburg, Hoher Weg 8, beantragt werden.
  5. Über die Existenz weiterer Körperbehaarung wird noch diskutiert.
  6. Der Ex-Berliner-Hipster soll den Augsburger Seitenscheitel wenigstens mal ausprobieren.
  7. Der Ex-Berliner-Hipster soll wenigstens versuchen, sich das irre Lachen zu verkneifen, wenn er bemerkt, dass man in Augsburg zu allen wichtigen Punkten innerhalb von maximal 12 Minuten kommt. Er darf nicht stöhnen, wenn ein Augsburger sagt, „Oh, das ist aber weit!“.
  8. Der Ex-Berliner-Hipster verpflichtet sich, einmal die Woche seinen Abschnitt im Treppenhaus zu kehren und nicht einfach so zu tun, als ob (z. B. durch scheinheiliges Umdrehen der Türmatten als vermeintlichen Beweis des Putzens ohne jegliche tatsächlich vorhergegangene Reinigungstätigkeit).

Wenn er die erfolgreiche Augsburgisierung binnen 6 Monate nicht absolviert, wird der Ex-Berliner-Hipster nach Wasserburg am Inn abgeschoben.

 

Die Aufgaben der Augsburger*innen:

  • Sämtliche Punkte für die Ex-Berliner-Hipster gelten auch für Augsburger, die bereits mehr oder weniger hipsterisiert wurden.
  • Augsburger Friseuren und Friseurinnen ist es untersagt, asymmetrische Frisuren zu schneiden.
  • Augsburgs Interior- und Schnickschnackläden verpflichten sich, sämtliches Zeug aus Kupfer aus ihren Läden zu entfernen.
  • Der Verkauf und Besitz kupferfarbiger Sprühdosen ist untersagt. Eventuell vorhandene Farbreste dürfen bis Januar 2023 aufgebraucht werden.
  • Das Gleiche gilt für 50er-Jahre-Pastellfarben.
  • Für eine reibungslose Kommunikation zwischen Augsburgern und Hipstern, die wegen der Sch-Laute erschwert sein dürfte, empfiehlt die Stadt, bei einem unerwarteten Nichtvorhandensein von Smartphones das erforderliche Emoji zu tanzen.

Wenn sich jeder daran hält, sollte eine harmonische Koexistenz von Hipstern und Augsburgern möglich sein. Nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Hipster-Virus

a) Augsburg noch mehr ergreift;
b) 2019 kein Thema mehr sein wird.

 

 

Titelbild: Ein Hipster im Senkelbach-Quartier, weil es rund ums Gaswerk auch zu eng wird.

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