Es ist ein „finnisches Uhrwerk“ laut Neue Szene, die AZ nennt es „unerwartete Darstellungskunst“. Damit haben sie Recht und Unrecht gleichzeitig: Ja, das Timing ist bei „I hired a Contract Killer“ absolut präzise, beinahe schmerzhaft pointiert von im Takt gestürzten Schnäpsen, akkurat geschluckten Kaffees und ausdrucksvoll ausdruckslosen Gesichtern. Aber „unerwartet“? Nein.

War doch klar, dass das Sensemble Theater das hinkriegt. Unerwartet anders als sonst ist dieses Stück aber natürlich: Den Film von Aki Kaurismäki auf eine Theaterbühne zu bringen erfordert Mut. Und den bewies Regisseur Sebastian Seidel in dieser kraftvollen Inszenierung.

 

Das Stück

Der Inhalt ist schnell erzählt: Henry Boulanger wird nach 15 Jahren entlassen. Sozial isoliert, verlässt ihn jegliche Lebensfreude – er will sich umbringen. Seine Selbstmordversuche schlagen fehl, weswegen er nur einen Ausweg sieht: Er setzt einen Auftragsmörder auf sich selbst an. Dummerweise verliebt sich Henry just danach in Blumenverkäuferin Margaret. Kein Grund zu Sterben also. Er kann aber keinen Kontakt mehr zum Killer aufnehmen, der längst röchelnd die Spur aufgenommen hat …

Programmheft I hired a Contract Killer

Die Schauspieler

Ein Blick ins Programmheft zeigt: Jeder Schauspieler – abgesehen von Florian Fisch als Henry – übernimmt mehrere Rollen. Zum ersten Mal sah ich Sarah Hieber, die perfekt ins (S)Ensemble passt. Neben der Blumenverkäuferin Margaret spielt sie unter anderem die Vermieterin und bringt „abgefuckt“ auf ein neues Niveau (was definitiv als Kompliment zu verstehen ist). Den schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Rollen beherrscht sie mühelos, ebenso wie Jörg Schur (vorrangig der Killer) und natürlich Birgit Linner, die meist eindrucksvoll hinter dem Tresen kauert. Die letzten beiden Namen könnten aufmerksamen Lesern bekannt vorkommen: Das waren die zwei aus Hamlet for You.

 

Die Inszenierung

Das äußerst sparsame, aber gleichzeitig eindringliche Spiel der nur vier Schauspieler findet in einem minimalistischen, aber gleichzeitig effektvollen Bühnenbild statt: Die unterschiedlichen Lebensräume sieht man da, einer trostloser als der andere, was durch die stillen Video-Loops im Hintergrund noch verstärkt wird; für Überraschung ist aber gesorgt, wenn wir uns plötzlich in einer verrauchten Untergrundbar wieder finden, in der Henry den Killer anheuert, oder wenn wir sehen, was er eigentlich alles in seinem Kühlschrank hat.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ sagt Paul Watzlawick, und das lässt sich auf das Stück übertragen: Auch wenn nichts passiert, passiert natürlich etwas. In einem drin nämlich. Die Schauspieler agieren vielleicht oberflächlich betrachtet wenig: In den ersten Minuten wird nicht einmal gesprochen, dafür aber umso mehr geraucht. (Keine Sorge, liebe Asthmatiker und Co, das sind natürlich nur Theater-Zigaretten.) Es geht hier eben mehr ums Sein als ums Handeln. Für Action ist dennoch gesorgt.

Der Soundtrack von Rainer von Vielen verdichtet die Atmosphäre auf ein beinahe unerträgliches Maß: Stampfend ist er, düster und beengend. Er ist der unsichtbare Fünfte auf der Bühne. Mit seiner Intensität verleiht er der dargestellten Monotonie den nötigen Rhythmus und Drive und multipliziert die Emotion des Spiels bis zur Gänsehaut.

 

Fazit & Termine

Für mich ist der Killer definitiv das bislang beste Stück im Sensemble: Weil ich die coole Atmosphäre ungemein mochte und das moderne, mutige Spiel. Es ist anders, ja. Es gibt nichts zu Lachen, höchstens als Übersprungshandlung. Aber eben genau das macht den Reiz dieser Aufführung aus.

Es ist keine Geschichte mit einem Aha-Effekt; die  Freundin, die dabei war, bekritelte, dass das Ende ja so vorhersehbar gewesen wäre. Das mag stimmen, aber eben genau das macht eben auch den Reiz aus: Dadurch, dass der Spannungsbogen irgendwann in den Hintergrund rückt, lässt sich die Unerträglichkeit umso mehr genießen. Das klingt vielleicht masochistisch, aber deswegen gucken wir ja auch Fight Club oder Requiem for a Dream an: Nicht, weil das so schöne, erhebende Filme sind. Sondern weil dieses Beklemmende uns nur zeigt, wie hell und freundlich es eigentlich in Wirklichkeit ist. Und was bei Filmen funktioniert, klappt auf der Bühne erst recht.

Wer jetzt neugierig geworden ist und sich selbst vom Killer überzeugen will:
Er wird noch dreimal aufgeführt, also husch husch!

  • heute, am 2. April 2016, 20.30 Uhr
  • Freitag, 8. April 2016, 20.30 Uhr
  • Samstag, 9. April 2016, 20.30 Uhr

Alle Infos & Kartenreservierung auf sensemble.de

 

Übrigens

Im Theater gilt, auch und gerade erst recht wenn „nichts passiert auf der Bühne“: Klappe halten! Und dem Sitznachbarn nicht im Sekundentakt den Ellbogen reinrempeln.

Wie geht Ihr mit Zappelphilips und Ratschkathln im Theater um? Nen Auftragskiller auf sie ansetzen?

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