Soeben fiel mein Mitternachtssnack auf den Boden. Er landete mit der Frischkäseseite nach oben. Beim Weggehen habe ich häufig nicht so viel Glück, da gewinnt häufiger Murphy’s Law bzw. folgendes Gesetz: Nehmt Miriam mit, und der DJ legt hundertpro Scheiße auf. Oder es ist gar kein DJ da. Sondern Helene Fischer. Aber bevor ich jetzt das schlimmste Untergangsszenario ausmale, lasst mich lieber über schöne Dinge jetzt schreiben: Über das Medienkunstfestival LAB30. Das mal wieder im Herbst in Augsburg stattfindet und selbst „In Augsburg ist doch nix los!“-Motzgurken in staunende Lämmchen verwandelt. Und – so nebenbei – Musik für die schönsten Untergangsszenarien ever bietet.

LAB.30 – Medien | Kunst | Experimente

Das kann man ganz genau so wörtlich nehmen, wie sich das LAB30 auf den Plakaten und Drucksachen selbst bezeichnet. Viel dazu sagen bringt nichts, da hilft nur hingehen und die Kunst selbst anschauen. Die meisten Jahre habe ich das LAB verpennt – die Werbung vom Kulturamt könnte ruhig noch ein bisschen penetranter sein – und bin auf den letzten Drücker noch am Sonntag Nachmittag hin. Dann kann  man sich zweifelsohne die Ausstellung in aller Ruhe anschauen. Von den Workshops oder gar Konzerten bekommt man so aber leider nur wenig mit.

Bevor Ihr vom LAB 2017 gar nichts mitbekommen habt, geht lieber heute noch, am Sonntag!

Eigentlich ging es ja schon am Donnerstag los. Vom 26. bis 29. Oktober 2017 beheimatet das Abraxas also jede Menge moderne Kunst.

 

Ist das Kunst oder kann das … was kann das eigentlich?

„Einfach durchlatschen“ kann man natürlich machen. Aber dann erschließt sich das Meiste nicht so ganz. Schnappt Euch also die Flyer im DIN lang-Format, die jedes Exponat genau erklären – oder redet gleich mit den Leuten, die extra dafür bereitstehen. Mit vielen Installationen auf dem Medienkunstfestival muss man interagieren, damit sie erst richtig oder überhaupt wirken. Keine Scheu! Solange niemand mit Läusen seinen Kopf in die Camera Obscura bzw. Space Box von Ad Achkar steckt, ist alles gut.

Besonders bezaubernd fand ich die Komposition für selbstspielende Triangeln. Schüchtern, aber unbeirrbar klopfen 19 Triangeln mihilfe von Magneten scheinbar von Zauberhand eine zarte Melodie. Wenn mal eine Dissonanz zu erhaschen ist, kann man sich fragen: Ist das jetzt ein Zufallsprodukt oder gehört es mit zur programmierten polyphonen Komposition? Ich fühle mich wie Momo in Meister Horas gewaltiger Uhrensammlung. Die Installation stammt von Tina Tonagel aus Köln. Hier eine kurze Impression:

 

Eine alte Bekannte ist Ex Unda von Alice Strunkmann-Meister. Wer auf der Werkschau der Hochschule Augsburg war, hat diese Installation – Alices Masterarbeit – bereits zu Gesicht bekommen. Mit Wasser befüllte Glasscheiben bewegen sich von Motoren getrieben auf und ab. Von der Decke projiziertes Licht malt mandalaeske Zeichnungen auf den Boden: Mal kristallklar, mal sachte Rotationen. Lateiner erinnern sich: „Unda“ bedeutet Welle. Und genauso wie das Wellengucken am Meer beruhigt, könnte man sich bei dieser Installation wegträumen.

 

Der stille Star inmitten der Ausstellung

Die Installation Vibrant Matter von Els Viaene lebt. What? Ihr muss man einfach live zusehen, auch wenn das dauern kann: Langsam bildet sich aus der Papiermembran eine Skulptur, die ein unpoetischer Mensch für ein überdimensional verknülltes Tempo halten könnte. Ein Origami, das gerade aufwacht  und einen eigenen Weg gehen will, könnten die anderen sagen. Das Papier ist mit Magneten versehen. Wie diese nun aufeinander wirken hat unmittelbare Auswirkung auf die Oberflächenstruktur: Manchmal schwebt das Papier, bäumt sich geradezu auf. Erstaunte Augen, desinteressiertes Papier. Es formt sich munter weiter. Zu was? Wir werden sehen.

 

Gar nicht still: Die Konzerte am Samstag

Walter Dean besteht aus Klangkünstler Jean-Baptiste Cognet und der Videokünstler Guillaume. Was im Programm als „Elektronische Klänge werden mit Einflüssen des Rock verwoben“ angekündigt wurde, entpuppte sich zum Teil als – sagen wir mal – Noise.

Sphärische Klänge und schwebende, fast schon greifbar-kompakte Lichtkegel ließen uns Zuschauer anfangs noch ein Gefühl für das Leben nach dem Tod erhaschen (siehe Beginn des Videos). Im zweiten Teil wurden wir exemplarisch umgebracht: Als wäre man eine Maus, die auf einer Autobahn um ihr Leben rennt und die Lichtkegel der Gegenfahrbahn auf sich zurauschen sieht. Das Mäuseherz schlägt 200 Schläge/Sekunde. Der Sound: Passend. So hektisch wie die Musik verließen erste Besucher den Theatersaal, und durch meinen Kopf huschte der böse Gedanke „Typisch Augschhhhhhbburg!“. Ja, die 30 Minuten waren mitunter etwas anstrengend, vor allem wegen der Lichteffekte. Aber deswegen gleich rausgehen? Vor dem Stroboskop-Effekt wurde am Eingang ja deutlich gewarnt. Ich fand die auch anstrengend und saß irgendwann mit unauffällig-auffällig gehaltener Hand da, fand die ganze Show aber viel zu faszinierend, um auch nur eine Sekunde früher als nötig abzuhauen. So eine gewaltige, intensive Atmosphäre erlebt man nicht jeden Tag.

 

 

Die große Überraschung am Samstag: JOASIHNO

[Persönliches Gelaber vorab:] Ich habe mir heute zweimal überlegt, ob ich aufs LAB gehe: Kein Bock auf nüscht. Außerdem kostet der Eintritt relativ viel – 12 Euro pro Tag. Jajaja, Kunst und so, aber wer das LAB kennt, weiß auch, wie schnell man bei der Ausstellung durch ist. Allerdings konnte ich keine zwei Sekunden länger überlegen und Geld spielte erst Recht keine Rolle, als ich erfuhr, dass bei einer Band ein ehemaliges Mitglieder von Notwist dabei ist. Da muss ich natürlich hin! Wer meine Stereowald-Artikel kennt, erinnert sich dunkel, dass ich Notwist liebeliebeliebe. Also, in kurz und dezent. [Blabla off]

Joasihno wurde im Programmheft als „Nils Frahm, Moondog und Steve Reich“ geteasert. ’kay, mit Vergleichen ist es ja immer so eine Sache – und dann gleich drei! Mir hat die Info gereicht, dass ein Hauch Notwist beteiligt ist. Vermutlich hätte es das gar nicht zwingend gebraucht, um das gleich herauszuhören: Denn auch Joasihno machen verdammt clevere, melancholische und kraftvolle elektronische Musik mit analogen Elementen (Blockflöte, hallo hallo!). Die Musiker: Gleichzeitig hoch konzentriert und dabei so herrlich entspannt. Sofort scheinen sie im Flow mit ihren technischen, loopenden und sich im wahrsten Sinne des Wortes drehenden Instrumenten. Gesungen wird nur wenig, der Beat darf so tief und fett wummsen (Bells Game), dass es das menschliche Ohr gerade noch vernehmen kann. Die Füße wollen dafür umso mehr mit. Also echt mal, warum ist so ein herrliches Konzert bestuhlt?

Womit das Programmheft durchaus Recht hat: Joashino heben nicht ab – sie bleiben wortwörtlich auf dem Boden. Ihre Gerätschaften sind flach und bodennah aufgebaut, die Musiker knien, was den mitunter fast meditativen Eindruck noch verstärkt. Die Musiker: Lässig zurückhaltend, als würden sie selbst zu Instrumenten. Der Hinweis, dass im Anschluss CDs und LPs für den Verkauf bereitstehen fällt so dezent aus, dass man ihn fast überhören könnte. Wären wir nicht alle so scharf darauf gewesen. Cico Beck und Nico Sierig scheinen zu staunen, wie sehr sich die Augsburger um ihre Platten reißen. Den Zehner fürs Album hat keiner passend, und der Verkauf scheint schon zu stocken – kein Wechselgeld ist mehr parat. Da tausche ich einen Roten gegen ein Album und wähne mich als eine der Glücklichsten an diesem Abend. Noch glücklicher wäre ich gewesen, hätte man beim Konzert stehen und besser mitwackeln können. Ach, ach …

Joasihno Konzert auf dem LAB.30 in Augsburg 2017
Warten auf Joasihno

 

Heute letzte Chance fürs LAB.30!

Am Sonntag ist es zugegeben ein Spürchen ruhiger auf dem LAB.30. Kein Grund zu kneifen: Die Ausstellung läuft weiterhin, auch die EMAF Kurzfilme wird es nochmals zu sehen geben. Mit von der Partie sind auch die BLUESPOTS mit ihrem Audio-Walk Memory Off Switch. Um 15 Uhr gibt es noch ein Konzert von ausrangierten Druckern in der Kradhalle vom Kulturpark West: STRWÜÜ.

Lest Euch selbst noch durchs Programm. Vielleicht findet Ihr ja auch eine joasihno-eske Überraschung, wie ich sie heute erleben durfte. Wer sich jetzt Leid sieht, dass er die nicht selbst live sehen konnte: Die Jungs stellen ihr Album komplett kostenlos zum Hören auf ihre Website Joashino.com. Gebt mir dann unbedingt Bescheid, ob Ihr dabei ruhig sitzen bleiben könnt 😀 (Auxkvisite Anspieltipps: Nuh Nuh, Grounds, Efom, Veiled Bloom)

 

Auxkvisite Quicktipps fürs LAB

  • Handtasche nehmen, in die man easypeasy das DIN-lang-Format stopfen kann. Es werden so einige Flyer anfallen … Die Idee ist, am Schluss einen Ausstellungskatalog des LABs parat zu haben.
  • Jacke nicht in die Garderobe hängen, außer Ihr habt vor, Euch in der Ausstellung im Dachboden was abzufrieren. Jaaaaa, unterm Dachboden ist auch noch was! Und im Keller. Und im Jungen Theater.
  • Raus in den Garten gehen und den Exthasen bewundern – den kennt Ihr bestimmt auch noch vom MODULAR dieses Jahr.
  • „Kein Bock“ ist keine Ausrede. Selber gelernt & langsam eingesehen. Lab30 ist nur einmal im Jahr!
  • Haltet die Augen nach den Theater in Augsburg-Sachen offen. Vielleicht kommt Euch das Design ein bisschen bekannt vor … 😉

    Blümchen-Bier oder Afri-Cola? Beim Anstehen an der Bar könnt Ihr Euch mal die Flyer da genauer angucken.

Anfahrt & Weiteres zum LAB.30

Die Anfahrt geht sehr gut mit der Linie 2 stadtauswärts, bei Kirche St. Thaddäus aussteigen (Riesen-Backstein-Viech nach dem Oberhauser Bahnhof, kaum zu übersehen) und dann die nächste Straße bzw. den Schleichweg vor dem Auto-Miet-Dingsbums links abbiegen und dann weiter geradeaus bis man vorm beleuchteten Abraxas auf der rechten Seite landet – ca. 3 Gehminuten. Ca. 1 auf dem Rückweg mit Regen. Vorm Abraxas sind aber auch ordentlich Parkplätze.

Beschreibung, Anfahrt, das vollständige Programm etc. entnehmt Ihr am besten einfach der Seite vom Medienkunstfestival LAB 30 selbst.

Rechtschreib- und Grammatikfehler gehen auf Kosten mitternächtlichen Schreibens, gesponsort von einem Gin Tonic und drei Riegeln Kinderschokolade. Ich gelobe, baldestmöglich nachzukorrigieren. Oder auch nicht, ich schlaf jetzt nämlich erstmal. Und geh dann nochmal hin.

Ich habe mich übrigens nicht schlecht gewundert, als nach Mitternacht (!) in Auxburg (!!) noch eine Tram fuhr. War bei dem Regensturmwetter auch ganz gut so.

 

 

 

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