Lasst uns mal assoziieren! Ich sag „Ingolstadt“, Ihr sagt „ … Audi?“. Ich sag „Pelzig“, und Ihr „Ein Bär“, „Schimmel“ oder vielleicht auch „Erwin“. Sag ich „Pelzig Ingolstadt!“ gilt ab sofort nur noch eine Antwort: „Mega coole Band!“ Ihr dürft maximal „Medium cool“ als minimal beste Antwort geben. 

Dabei war ich, zugegeben, lange Zeit skeptisch, was die Existenz dieser Band überhaupt betrifft. Für mich war Pelzig ein „Ableger“, ja ein „Nebenprodukt“ von Slut. Slut liebte und liebe ich mein halbes Leben lang, nicht nur, weil sie aus der Nachbarstadt stammen (ich lebte derzeit in Neuburg, also einen Katzensprung von Ingolstadt entfernt). Ich wollte keine Konkurrenz an Slut treten lassen, nicht und schon gar nicht (!) aus den eigenen Reihen. Als junger Mensch kann man sich in Musikdingen ja so unglaublich spießig verhalten.

 

Die Schlampe im (Wolfs-)Pelz

Es fällt mir also schwer, über Pelzig zu schreiben, ohne Slut wenigstens kurz zu erwähnen – und bei dem Kurzen werde ich es natürlich nicht belassen können.

Beide sind sie Bands aus Ingolstadt; sie „teilen sich“ zwei Musiker (Rainer Schaller / Gitarre und René Arbeithuber / Drums) und Bandraum, Equipment, Label und und und.

Aktuell gibt es leider kaum bis wenig von Slut zu hören. Umso mehr freute es mich, als sie vergangenen Mittwoch auf Facebook erwähnten, Pelzig würde am Wochenende in Augsburg in der Soho Stage spielen. „Lieber 50% Slut als gar keins!“, sagte ich mir. Hörte das erste Mal überhaupt in Pelzig rein und prellte mir den Unterkiefer an der Tischplatte. Das klang nämlich richtig, richtig gut! Von wegen Konkurrenz zu Slut: Ist gleichgutanders. „Medium Cool World“, Pelzigs aktuellstes Album, hat Kritiker reihenweise überzeugt – mich auch?

 

Pelzig kratzt im Ohr

Liegt es nun an denselben Männern an Gitarre und Drums oder meinem vermaledeiten Hintergrundwissen, dass bei Pelzig zwei Slut-Männer beteiligt sind: Die treibenden Beats, die Intensität, dieses tendenziell Melancholische und das gerne auch mal Verspielte könnten durchaus für ein paar Takte an Slut erinnern. Bis es dann dunkler, erdiger, eckiger, rauher wird. Und punkiger. Pelzig explodiert, während Slut implodiert.

Einen deutlichen Unterschied kann man natürlich an den Stimmfarben der jeweiligen Frontmänner festmachen: Christian Neuburger von Slut hat sich all Jahre die ätherisch-jungshafte Stimme beibehalten. Christian Schulmeyr von Pelzig ist das pure Gegenteil, vom Phänotyp und von der Stimme her: Die hat mehr Substanz, ist schwerer, fassbarer, rotziger. Sprechgesang ist seins, egal, ob geflüstert oder geschrien. Live baut er eine spürbare Nähe zum Publikum auf und scheut sich auch nicht, sich direkt in die Menge zu mischen. Und warnt dann noch freundlich vor, dass es „jetzt gleich wild wird“. Sprach’s und brüllte ins Mikro.

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Aufnahme vom Konzert wenige Tage zuvor in München © NEØLYD

Wer jetzt meint, er hätte deswegen keine harmonischen Melodien drauf: Irrtum. „Battles“ ist eine erhebende Hymne ohne abgehobenen Firlefanz. „My Medium Cool World“, „Check Your iPod“ und „A Club Called Night“ überzeugen mich, dass Sprechgesang genau so viel Leben wie Gesungenes haben kann, ja vielleicht sogar noch viel mehr Nachdruck, wortwörtlich. In „All Signals Off“ wird seine Stimme plötzlich richtig sanft, die härtesten Typen und Typinnen im Publikum wiegen sich sachte im Takt; ich seufze still und denke mir, an dieser Stelle hätte ich doch lieber Christian N. gehört. Aber stop, stop, das ist ja Pelzig und nicht Slut. Lass die Vergleiche, es bringt nichts!

Zum rockigen Grundgerüst mischen Pelzig auf „Medium Cool World“ kühn Elektronisches. Heraus wächst etwas Neues, Intelligentes und Individuelles, das wahnsinnig nach 2016 klingt, obwohl es nichts mit dem zu tun hat, das uns momentan aus Radio und Streams entgegenschallt. Um Trends scheren sich die Herren von Pelzig nicht: Nach 20 Jahren Musikbusiness machen sie eben ihr Ding. Das ist und klingt verdammt cool, viel mehr als medium! Ist das nicht vielmehr richtig heiß?

 

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Alle Bilder © NEØLYD*

Pelzig live in der Soho-Stage in Auxburg

Vergangenen Samstag bewies Pelzig, wie viel Power und Präsenz sie auf der Bühne haben. Und auch, wie lange es sie schon gibt und wie treu ihre Fans sind: Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, bei einem Konzert den Altersdurchschnitt zu drücken. Die Älteren hielten aber besser durch – ich musste mir Mitte des Konzerts einen Tempo-Tampon ins Ohr stöpseln. Den ganzen Sonntag halbseitig unter einer Käseglocke fragte ich mich: Heißen Pelzig etwa so, weil sie das mit den Ohren machen?

Kleiner Hörschaden für 36 Stunden hin oder her: Ich mag Pelzig. Wenn sie nochmal 20 Jahre durchhalten, könnten sie Sluts Platz da ganz weit oben vielleicht doch noch streitig machen.

 

Pelzig featuring Klez.e

Ein absolut würdiges Intro lieferte die Vorband Klez.e. Auch eine „alte“ Band (gegründet 2002), die Mitglieder aber jünger. Ums erstaunlicher, welch Klangdichte live entstand, obwohl sie samstags nur zu dritt auf der Bühne standen. Frontmann Tobias Siebert kennt wiederum, wer vor zwei Jahren auf dem Slut-Konzert war: Da bildete er als „And The golden Choir“ die Vorband. Ich sag doch, es ist unmöglich, von Pelzig ohne von Slut zu sprechen. Muss man aber ja auch nicht. Nur vergleichen sollte man sie lieber nicht.

 

Pelzig Tourdaten

26. Januar // Dienstag // Hafenklang, Hamburg
27. Januar // Mittwoch // Monarch, Berlin
28. Januar // Donnerstag // Gleis 22, Münster
29. Januar // Freitag // Grend, Essen

Schaut am besten direkt bei Pelzig vorbei oder, noch besser, folgt ihnen auf Facebook für alle aktuellen Infos!

 

* Weitere wunderbare Bilder von NEØLYD vom Konzert in München gibt es hier.

 

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