Durch Twitter schwirrt der Hashtag #Lieblingsgedicht. Anscheinend geht das schon länger so, weswegen ich da jetzt niemanden mehr mit dem einunddrölfzigsten „Odi et amo“ behelligen will. Oder Trakl, Hesse oder Erich Kästner. Kennt man ja alles. Die sind ja alle auch schön. Was man nicht kennt, ist das Gedicht einer 16-Jährigen.

An einem sommerwarmen Mittag strengt sich das Mädchen an, während der Geschichts-Stunde mit offenen Augen und aufrecht sitzen zu bleiben. Wenn der Lehrer wie Boris Becker redet, kann das schon mal passieren. Und die senfgrünen Vorhänge halten die Hitze leider nicht davon ab, sich wie ein Kokon auf den gesamten Körper zu legen. Der Pausenhof färbt sich bunt von den Schulränzen der Unterstufler, die für heute schon aus haben: Pink, grün, blau, rot, lila, ein paar schwarze. Dem Mädchen ist langweilig, so langweilig! In diesen leeren Raum schossen plötzlich die Worte: „Wenn die Glucken sich ducken und zucken“. Von dem Lehrer kamen die nicht – sondern aus dem Mädel selbst. Die restliche Stunde verbringt sie damit, weitere Worte aneinander zu reihen.

Die 16-Jährige war ich.


 

Auxkvisites Gedicht:
Bauernhofidyll

Wenn die Glucken sich ducken und zucken –
wenn die Küken fiepen und piepen –
wenn sich dann ein Fuchs anschleicht
ein jedes Küken laut aufkreischt.

Dann herrscht Hysterie im Hühnerstall!
Doch dem Fuchs ist das egal.
Er schnappt sich das Küken,
das er erwischt –
und hat damit schon aufgetischt.

Doch er rechnet nicht mit den Hennen,
die fangen an, zu rennen
und hacken mit dem Schnabel wild ins Fell.


Das Blut fließt nicht dunkel,
es fließt hell.
_

Da kommt der Bauer mit seinem Gewehr
und ballert auch schon wild umher –
das Küken ist gerettet!

Doch seine Mutter ist durchlöchert
und hat im letzten Atemzug schon ausgeröchert.

Miriam Lochner, 1996

 

Ist Auxkvisit nun eine Bloggerin, die dichtet?

Keine Sorge. Manchmal passiert’s – aber nur im Hintergrund. Weil der Blog hier eh schon mit so vielen Kategorien überquillt, habe ich mich bislang zurückgehalten. Diesem 16-Jährigen ich war ich es aber schuldig, dieses Gedicht zu veröffentlichen. Einfach, weil’s jetzt so einfach geht :)

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