Vorlieben alternieren mit den Jahrzehnten. Aktuell befinden wir uns in einem, in dem wir Überdreißigjährigen erstaunt die Klamotten von früher wieder auf den Straßen erkennen. Ob es so gut ist, Altes wiederaufleben zu lassen, darüber kann man diskutieren. Darin findet sich auf jeden Fall viel Gewohntes, das verspricht Sicherheit und ist schön – aber auch etwas fad. Wird das Bekannte aber so ins Jetzt transportiert, dass es zusammen mit Vergangenheit und sogar der Zukunft in einem kleinen Punkt zusammenfließt, explodiert viel Kraft und Potenzial für etwas komplett Neues. So klingt die Musik von Oum Shatt.

Oum What?
Oum Shatt.

„Die Band um Jonas Poppe“ heißt es da schnell, wenn man recherchiert. Coole Berliner Jungs wären sie, elends lässig und würden wirken, als wären sie just in diesem Moment einem Arthouse-Film entsprungen. Hört man Oum Shatt schön laut, wird das eventuell mit einem „Was hast Du denn eben geraucht“ quittiert: Hier mischen sich psychedelische und orientalische Klänge mit originärem Rock’n’Roll. Manchmal fügen sich elektronische Sounds ins Klangkonstrukt. Nennt man das 2017 Indie-Pop? Für Oum Shatt das passende Kategorie-Kistchen zu finden ist schwierig; lassen wir es einfach. Ihre Musik ist in jedem Fall groß.

Auf ihrem Konzert in der Soho Stage am 23. Februar in Augsburg haben die Jungs von Oum Shatt gezeigt, dass sie gar nicht so artsyfartsy-versnobt wirken, wie man es  vermuten könnte. Natürlich sind es vier spezielle Typen, die zweifelsohne sofort ihre Rollen in einem Film von Jim Jarmusch spielen könnten. Aber sie sind nahbar. Sogar so sehr, dass sie nach dem Konzert selbst ihre Alben und T-Shirts verkauft haben. In der Soho Stage, dem Club in der Größe eines etwas größeren Wohnzimmers, fühlt sich das ganz selbstverständlich an. Und übersehen wir bei all dem großen Berliner-Indie-Jungs-Ding mal bitte nicht, dass Drummer Chris Imler gebürtiger Augsburger ist und alleine auch schon eine riesige Nummer (Neugierige klicken hier zu seinem Video „Dark Spot Of Joy“).

Aber kommen wir jetzt zum Wichtigsten, der Musik von Oum Shatt.

 

 

Wie Oum Shatt so klingt?

Die Jungs von Oum Shatt mischen also Altes: Die Gitarren lässig schlotzig, der Rhythmus instant treibend, Jonas’ Stimme schwebt leicht blasiert darüber und verbindet sich im nächsten Moment kraftvoll mit den Instrumenten. Der Zuhörer befindet sich in einem Londoner Untergrundclub, trägt wie die Jungs auf der Bühne schmale Anzüge. „Power to the Woman of the Morning Shift“ und „Madame O.“, aber auch „Trains, Trains, Trains“ sind ein modsmäßiger Spaß. Auch wenn sich in letzteres bereits Töne klinken, die auf den experimentierfreudigen Charakter der Band rückschließen lassen. Wir rutschen ein paar Jährchen weiter.

„Hot Hot Cold Cold“ katapultiert uns weiter. Spielen hier Joy Division? Punk kann Oum Shatt also auch. Aber sie wären nicht Oum Shatt, würden sich hier nicht wieder orientalische Klänge und Rhythmen hineinschleichen. Was in „Bangladesh“ und „Ya Ya Ya“ kulminiert und spätestens jetzt klar macht, dass sich Oum Shatt nicht nur von anderen Zeiten, sondern auch Orten inspirieren lässt. In unserem Londoner Untergrundclub findet nämlich gleichzeitig ein orientalischer Bazar statt. Zwischen die Rauchschwaden mischt sich der Duft von Zimt und Kreuzkümmel. Ein Kamel kaut lässig Luft und wirkt dabei fast so relaxt wie die Jungs auf der Bühne. Nur Chris, der braucht regelmäßig ein Handtuch, weil nicht nur die orientalische Atmosphäre so schweißtreibend ist. Bei Oum Shatt verbinden sich die arabisch-orientalischen Klänge so selbstverständlich mit der restlichen rockigen, energiegeladenen Musik, dass man sich fragt: Warum nicht vorher so? (Natürlich gab es das vorher: Man denke z. B. nur an George Harrison. Aber zwischen den Beatles und jetzt ist leider doch ein wenig Zeit vergangen.)

Bei Oum Shatt wirkt die Verbindung zwischen Orient und Westen, vergangenen Jahrzehnten und heute so in sich stimmig und schlüssig, dass man beim ersten Mal Hören – und auch danach immer wieder – nur staunen kann. Mir wurde in der ersten Sekunde damals gleich klar: Hier höre ich etwas komplett neues, anderes, verdammt gutes. Innovativ und vertraut. Optimistisch und nachdenklich. Strange, merkwürdig, experimentell – und gleichzeitig so klassisch back to the roots.

 

 

Und Oum Shatt live?

Kennt man das Album, geht man natürlich mit großen Erwartungen aufs Konzert. Man wird nicht enttäuscht, im Gegenteil. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, sie wären „live besser“. Es ist eben anders. Mit der Attitüde, den herrlich weirden Moves von Jonas und dem Spirit auf der Bühne, der sich im Nu sofort aufs Publikum überträgt, ist Oum Shatt live in jedem Fall ein Erlebnis. Hätte ich es im Januar bereits aufs Konzert in München geschafft, ich wäre ganz klar am Donnerstag wieder aufs Konzert gegangen.

Zum Glück war diesmal der Sound in der Soho Stage ausgewogen. In dem kleinen Raum kann es einem schnell mal die Ohren wegfetzen, wie ich es beim Konzert von Pelzig/Klez.E erleben musste (sonst war das aber sehr gut, ich berichtete). Vorsichtshalber war ich diesmal mit Gehörschutz von Alpine unterwegs. Dem Genuss hat das keinen Abbruch getan. Leider konnte ich kaum verstehen, als mir ein älterer Herr etwas sagen wollte, als ich mich dreist ein paar Reihen nach vorne in ein Loch drängte. Da stand gerade eben noch seine Tochter, wollte er mir zu verstehen geben, und mit eben dieser hätte er mich jetzt verwechselt und mir deswegen auf die Schulter geklopft. Auf einmal befand ich mich inmitten einer wild tanzenden Familie. Denn – natürlich, könnte man jetzt sagen – ist Oum Shatt für mehrere Generationen etwas. Ihre Musik verbindet, und so gut, wie Oum Shatt es hinbekommen, kann man nur hoffen, dass das nächste Album nicht lange auf sich warten lässt. Dass scheinbare Gegensätze sich so sinnvoll verbinden, diese Erkenntnis brauchen wir heute vielleicht mehr als früher, in dem Londoner Untergrundclub. Und mehr von der Lässigkeit, relaxten Euphorie und Experimentierfreude.

 

 

Oum Shatt auf Tour

Wenn Ihr jetzt auch mal Oum Shatt live sehen wollt: Sie touren aktuell. Unter anderem in Ulm heute Abend. Sucht nach weiteren Tourdaten am besten selbst. Der Termin in Augsburg wurde auf den üblichen Seiten gar nicht erst erwähnt, warum auch immer.

 

Fakten & Infos

Oum Shatt: Jonas Poppe (Ex-Kissogram), Chris Imler („Don Corleone of Berlin rock’n’roll“), Jörg Wolschina (Der Elegante Rest), Richard Murphy (Michael Knight)
Snowhite Records

Oum Shatt ist auch auf  Facebook – Spotify – InstagramTwitter – TumblrYoutube

Da findet Ihr übrigens auch Auxkvisit: Auf FacebookInstagramTwitter – Tumblr (auf Youtube gibt es nur ein langweiliges Katzenvideo)

Titelbild: Nach dem Konzert im Kreuzweise Augsburg. Direkt beim Konzert habe ich natüüüürlich alle 3 Bilder verwackelt, weil ich mich nicht lange mit „dem perfekten Foto“ ablenken wollte. Aber ich kann Euch eins von der Diskokugel in der Soho Stage bieten.

Diskokugel in der Soho Stage Augsburg

0

Auch interessant

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Required fields are marked *

*