Coldplay macht mit dem Video zu Up & Up von sich reden – mit dem Video wohlgemerkt: Das ist ungefähr achtmal besser als der Song an sich und entführt mit phantastischen und phantasievollen Bildern in eine Welt, in der Jackys Wunderbohne glatt langweilig wäre. Dass Radiohead passend zum neuen Album auch visuelle Kunst liefert, überrascht hingegen wenig; von ihnen ist man das kreative Konglomerat aus Musik und Artwork gewohnt.

Auf einmal sind Musikvideos wieder auf meinem Radar. Ich fühle mich wie 1996 in der zweiten großen Pause, als wir über das neuste Radiohead-Video sprachen. Nur ist es heute die Kaffeepause, anstatt Mitschüler sind es Kollegen und das Video, das uns umhaut, heißt „Burn the Witch“ und nicht „Paranoid Android“. Zeit, die alte Zeit revue passieren zu lassen!

Hej junge Leser, Ihr findet die 90er doch so cool. Wollt Ihr wissen, wie das damals so ablief?
Hej gleichalte Säcke und Säckinnen, wollen wir zusammen zurück in die 90er reisen?

Musikvideo-Flashback 1996:
Eine Zeit, in der es noch VH1, aber kein Internet gab.

Ein Hersteller von Zeitmaschinen, Brown & McFly Inc., ist auf mich zugetreten und hat mir angeboten, für diesen Blog-Artikel 20 Jahre zurückreisen zu dürfen. Vielen Dank dafür! 

Ich liege sitzend/ sitze liegend auf der großen Familiencouch, es ist Mittwoch Nachmittag. Man könnte mich deswegen für einen HartzIVler halten, aber diesen Begriff gibt es 1996 noch nicht. Ich bin wieder eine Schülerin, die die Pause zwischen Schule und Hausaufgaben redlich verdient hat. Die Mathe-Ex steckt noch in den Knochen, die Vorfreude auf die Latein-Schulaufgabe am nächsten Tag hält sich in Grenzen. Friedlich schlummert mein Kater auf meinen Schienbeinen; ich habe einen Teller logistisch sinnvoll auf dem Brustbein geparkt, gewillt, mir parallel Nudeln und Musikvideos auf VH1 reinzuziehen.

Wer VH1 nicht kennt: Das war sowas wie MTV, nur dass damals noch das M für Musik und nicht für Mist stand. VH1 war also ein Musiksender, um nicht zu sagen der Musiksender – er hatte die bessere Musik und vor allem nicht so nervige Moderatoren. Mein Lieblingssender für die Stunde zwischen 14 und 15 Uhr, meine eine Stunde Musik, Popkultur & Pasta. In den Kreis der Privilegierten, die Viva II hatten, gehörte ich leider nicht.

In meiner Kleinstadt – ich wohnte in einer, die heute zehnmal in Auxburg passen würde – waren Musikvideos neben Zeitschriften eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt etwas von Pop- und Jugendkultur und Trends mitzubekommen. Und sie lieferten Gesprächsstoff für die Schulpausen:

– Alanis Morissette, Ironic:
„Das Video mit den vier Alanissen ist sooooo cool!“
„Die ist überhaupt cool.“
„Aber Ironie ist das nicht in den Lyrics; das haben wir in Deutsch bei den Stilmitteln doch anders gelernt.“
(Alles musste cool sein und wir waren gymnasiastische KlugscheiĂźer bzw. klugscheiĂźende Gymnasiasten.)

– Stilt Skin, Inside:
„Hat du schon das mit dem nackten Typ gesehen, der aus dem Wasser steigt? Und die braven Amish-Mädels verstecken sich hinterm Baum und schauen zu? Hihihi, sooooo geil!“
(Wir reden immer noch ĂĽber Musik-Videos, keine Pornos. Nun ja, um genau zu sein, sprechen wir hier ĂĽber einen Hybriden aus Musikvideo und Werbe-Clip.)

 

Von Musikvideos, die Werbung, und MitschĂĽlern, die kein Shazam waren.

In den 90ern verschmolzen die Grenzen zwischen Werbung und Musikvideos. Und so sponserte uns Levis die besten Mini-Musikvideos überhaupt: Mit dem lustigen Flat-Eric (auch im Titelbild), dem märchenhaft-sexy-blubbernden Underwater-Love oder coolen Mr. Bombastic oder noch cooleren Spaceman. Unnötig zu sagen, auf welche Jeans wir unser Taschengeld sparten. Mochten wir die Musik, weil unserer Hintern in einer 501 steckte oder umgekehrt?

Musikvideos gaben unseren Stil vor: Einige versuchten, ein Genie in a Bottle zu sein und knallten kiloweise transparentes Lipgloss auf die Lippen, zogen damit aber leider nur dumme Kommentare und kleine Mücken an. Wenigstens das mit den Mücken bekamen sie selbst auch mit. Andere entschieden sich dafür, für die restliche Pubertät aufs Haarewaschen zu verzichten. Wir waren Kinder, wir waren peinlich, aber vieles davon bekam niemand mit außer unser Kinderzimmerspiegel.

Musikvideos prägten uns, formten uns, wir verlangten es geradezu von ihnen. Aber wir hatten keine Kontrolle über sie. Null. Ins kollektive Bewusstsein der Teenager der 90er gehört daher folgendes Erlebnis: Du hörst das geilste Lied der Welt. Verliebst dich in der ersten Sekunde in die Stimme des Sängers (manchmal auch in den Sänger) und erklärst den Song bereits zu deiner neuen Hynme, wenigstens für die nächsten drei Wochen. Du suchst schon ein freies Fleckchen in der Fernsehzeitung und einen Kugelschreiber, um Dir Song und Sänger zu notieren. Die Spitze schwebt über dem Weißraum neben dem Kreuzworträtsel – aber da kommt kein Text, keine Info, wer hier singt. Der Stift fliegt einmal quer durchs Wohzimmer.

Wir waren keine Idioten, die zu doof zum googeln waren. Es gab kein Google. Einige von uns hatten zwar irgendwann einen Internetanschluss daheim, mit einem ringeldingenden Modem – meine sogar als eine der ersten Familien. Bevor es die erste Flatrate geben sollte, sollten aber noch Jahre vergehen; die Telekom rechnete in den Neunzigern tatsächlich noch im Minuten-Takt ab. Nach einer Telefonrechnung, so umfangreich wie sonst drei zusammen, zu der ich nicht unwesentlich beigetragen hatte, herrschte die klare Ansage von oben: Gesurft wird nur noch zum Mondscheintarif, nach 21 Uhr. Wäre ich nicht ohnehin eine Eule, ich wäre spätestens dann eine geworden.

Was wir also tun mussten, wenn wir erfahren wollten , wie das neue bombastische Lied heiĂźt: Miteinander reden.
„Kennst Du das Lied, in dem ein Typ durch eine Stadt läuft und dabei singt?“
„Welche Stadt?“
„Irgendwas Amerikanisches. Sowas wie New York.“
„Und was macht der Typ genau?“
„Rumlaufen. Und singen.“

Das Leben bestand geradezu aus Informationsmangel. Geduldig darauf zu warten, dass sich die Lösung schon finden würde, war keine spirituelle Kür, sondern Grundvoraussetzung. Die andere Option hätte sonst darin bestanden, das neue Lieblingslied jemandem vorzusingen. Einem Menschen – keiner App. War das Karma mit uns gnädig und VH1 blendete den zugehörigen Sänger zum neuen Lieblingslied ein, rasteten wir aus: Der Nudelteller landete auf dem Boden, der Kater hinter dem Philodendron, ich bestenfalls einen Tag später mit 30 Mark in der Hand im Plattenladen.

Vielleicht war auch nichts mehr vom Taschengeld übrig, dann hieß es wieder warten, auf den nächsten Monat oder Geburtstag.  Nachbarn, Mama und Schwester kamen in den Genuss der Repeat-Funktion meines CD-Players, ich selbst bald in den Genuss eines tragbaren CD-Players, ein Ding monströser Größe, das mich bald zu Schultertaschen und Schieflage zwang. Meinen Freundinnen überspielte ich die CD auf Kassette, inklusive abgemaltem Cover; einzig die Lieblingsfreundin bekam die Version, für die ich extra die Levis-Werbung aus der Bunten meiner Mama gerissen hatten. Musik war in den 90ern regelrecht mit physischem Aufwand verbunden: Auch, wenn es bedeutete, ein verhuddeltes Tonband wieder mühsam zu richten. Vielleicht fühlten wir uns deswegen so sehr mit der Musik verbunden. Und wundern uns jetzt umso mehr, wenn das neue von Coldplay auch wieder ein bisschen an die 90er erinnert – oder wenigstens an unsere Euphorie, die wir damals spürten. Und dass jetzt wieder Regenbogenverläufe in Schriftfarben wieder in ist.

Bist Du auch ein Kind der 90er?

Test: Wie viele Musikvideos aus den 90ern kennst Du?

 

 

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