Habt Ihr auch eine Lieblingstasche, deren Reißverschluss über die Jahre – ist ja eben die Lieblings! – kaputtgegangen ist? Denn so praktisch Zips auch sind: Über kurz oder lang gehen die immer über den Fluss ihrer Wahl.

Ich saß tatsächlich in der Tram über dem Senkelbach, als es passierte: Der Reißverschluss hatte sich verhakt. Also versuchte ich es erst noch vorsichtig und ruckelte ein bisschen herum. Ein verbissener Reißverschluss lässt sich aber von so einem zögerlichen Akt der Gewaltanwendung nichts sagen und reagiert erst, wenn das Vorsichtige sämtlicher Gewalt weicht. Was einfach geht, wenn der Geduldsfaden ebenfalls reißt. Es machte rrrrratsch!, meine Hand sauste nach rechts und der Reißverschluss hinterher. Er bewegte sich also wieder. Nur leider zu sehr – der Zip surrte vergnügt durch die Zähnchen von Links nach Rechts. Leider nur noch im Oberkiefer. Wenigstens kam ich wieder ans iPhone ran und starrte meine Bis-gerade-eben-noch-Lieblingstasche missmutig an: Hello du blödes Ding, muss ich dich jetzt wieder zum Reparieren bringen? Ich googelte, fand aber auch nicht die Lösung.

Der Reißverschluss ist schon wieder hinüber!

Und zwar nicht erst seit gestern. Tatsächlich habe ich meine Tasche deswegen schon mal zum Reparieren gebracht – in den Leder-Laden Aigner gegenüber Reste Maier. Jeder noch so fähige und freundliche Schuster hatte die Annahme verweigert, dafür hätten sie nicht das passende Werkszeug.

Bei Aigner konnten sie den Original-Reißverschluss reparieren, und das sogar für nur knappe 10 Euro. Die Tasche funktionierte wieder. Ganze zwei Wochen lang, bis zum Vorfall in der Tram. Aigner hatte nicht schlecht gearbeitet, es war absehbar, dass das wieder passieren musste, weil eine Stelle im Stoff ganz nahe der Zähnchen schon ziemlich kariös aussah.

Nun bin ich bei Lieblingssachen recht schmerzfrei und leidensfähig. Das wissen alle, die mir auf mein iPhone gucken – es ist ein 4S und so langsam, dass mich jeder 11jährige dafür dissen würde. Ich lief also wochen-, wenn nicht monatelang mit einer kaputten Tasche herum und überlegte:

  1. Nochmal reparieren lassen? Geht das überhaupt, zumal der Reißverschluss mittlerweile echt übelst angeknackst ist?
  2. Einen neuen Reißverschluss einnähen lassen? Soll nicht so einfach sein. Und ein Schuster hat mir ein paar Stiefel mal durch seine „Arbeit“ übelst versaut. Liebe Augsburger, keine Angst: Das war wo anders.
  3. Eine Notlösung basteln mit Knebelverschluss? Nicht überzeugt.
  4. Einen Zlide-On bestellen? Bringt bei meinem Problem wohl auch nichts.
  5. Einfach die Tasche wenden und die kaputte Außentasche in meine Richtung tragen – Problem gelöst! Aber manchmal nervt das. Da ich meine Tasche gerne auf den Boden stelle (was man nicht machen darf, wenn man einem Aberglauben Glauben schenken will), hätte auch immer wieder etwas herauskullern können. Noch dazu gab das den Blick auf den Inhalt frei. Wie jeder weiß, tendiert eine Handtasche schnell dazu, zu einem wandelnden Mülleimer und/oder zweiten Hausstand zu avancieren. Das ist kein schöner Anblick: Ein soeben gebrauchtes Tempo und ungebrauchte Tampons friedlich nebeneinander vereint. Da kann nicht mal die Chanel-Puderdose daneben was rausreißen.

Während des IKEA-Events sprach ich mit Näh-Expertin Marina vom Blog Metterlink kurz darüber, wie die Tasche noch zu retten wäre. Sie tippte auch Richtung Knebelverschluss, was der Tasche dann eben noch mehr Vintage-Charakter gäbe. Leise seufzte ich auf, weil ich doch gerade das Schlichte an der Tasche so mag und mir das Rumgefrickel mit einem Gummibändchen nicht so reizvoll erschien.

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Das ist sie: Die auxkvisite Lieblingstasche. A4 geht rein und noch viel, viel mehr – sie muss mal Hermine gehört haben.

Ein Exkurs: Die Lieblingstasche

Sie ist Secondhand und Echtleder. Das finde ich beides super: Nicht, weil ich unbedingt ein totes Tier mit mir herumtragen will. Aber Leder hält mit entsprechend Pflege ein Leben lang. Anzahl zerbröselter Kunstledertaschen: Unzählige. Und zudem ist die Tasche Secondhand, durchlebt bei mir also ihren zweiten Lebenszyklus – und vermutlich auch letzten, weil ich sie nie wieder hergeben will. Ja, sie hat mittlerweile schon ordentlich Patina, aber das finde ich ganz schön so, auch wenn ich etwas traurig über den fetten Fettfleck bin, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, woher er stammt.

Entdeckt habe ich sie auf der Zweihand-Messe vor 3 Jahren für 3 Euro. Einen Tag vorher dachte ich mir noch, eine Tasche in genau dieser Farbe in genau diesem Format haben zu wollen. Und da saß sie auf einem Stuhl und wartete auf mich. Ihre ehemalige Besitzerin meinte forsch und freundlich: „Ohne lange zu diskutieren: für 3 Euro!“ Wie viel Glück kann man bitte haben?

Es ist eine schlichte Umhängetasche – eigentlich ein Jutebeutel aus Leder, mit Futter. Selekkt und Monoqui haben oft ähnliche, noch minimalistischer und für minimale 200 Euro zu haben. Wobei sie vom Prinzip her gleich sind: Ein Beutel mit zwei Riemen. Aus. Fertig. Für meinen Geschmack darf aber gern eine Außentasche dran sein. Wenn etwas bimmelt, die Lippen hundertprozentig in den nächsten zwei Millisekunden aufreißen wollen oder die Nase fließt, will ich nicht lange im großen Beutel herumwühlen. Und für den Schutz vor Regen oder flinken Fingern will ich meine Tasche vernünftig schließen können.

Mehr braucht eine Tasche für meinen Geschmack nicht. Ich hege eine tiefe Abneigung für Handtaschen, an denen unnützes Zeug dran ist, seien es extra-Schnallen oder ein dickes Logo oder tausend kleine. Ihr versteht.

Eine Tasche ist eine Tasche ist eine Tasche.

Und meine darf mich überall hin begleiten: In Wien zum Beispiel. Die perfekte Touri-Tasche, der man es aber nicht ansieht! Was stopfte ich alles in sie hinein: Regenschirm, großen Geldbeutel, kleinen Moleskine, was zum Lesen, Schreibzeug, Reiseführer, 1-l-Wasserflasche, ein kleines Täschchen, das die Kleinigkeiten davor hindern soll, lose herumzufliegen – was nie lange gut geht – und ein paar Müsliriegel. Plus Strickjacke. Es hätte immer noch Zeug Platz gehabt. Vermutlich habe ich Hermines Zaubertasche gekauft.

Auch im (Arbeits-)Alltag bekomme ich alles unter. Das ist optimal und katastrophal gleichzeitig: Manchmal ist schon fast eine verloren- oder essen geglaubte Maracuja implodiert.

 

Die Idee: Einen neuen Reißverschluss auf einen alten nähen

Einen neuen RV einarbeiten lassen und dafür die geliebte Tasche aus de Hand geben ohne zu wissen, was ihr passiert? Nicht doch. Bei Reste Maier fand ich einen Reißverschluss in passender Größe. In Mint. Nach dem Motto: Wenn ich jetzt schon selbst rumpfusche, ist es auch schon egal – dann kann es auch gleich meine Lieblingsfarbe sein. Passt ja auch prima zu Cognac! Ich fragte die Verkäuferin noch: „Meinen Sie, das geht, einen Reißverschluss auf den alten zu nähen?“ Ein skeptischer Blick und ein diplomatisches: „Das müssten Sie schon selbst probieren.“ Na dann!

Eigentlich habe ich auch ein schwarz-weiß-Gestreiftes Bändeldings dazu gekauft, für alle Fälle, wenn ich etwas kaschieren muss. Das kam in meiner Nacht-und-Nebel-Näh-Aktion aber nicht zum Einsatz. Deswegen habe ich währenddessen auch keine Photos gemacht, sondern Mr. Robot geguckt. Das war leider ungeschickt, weil ich diese drei Folgen alle nochmal schauen muss und mir beim Nähen einen ziemlichen Patzer geleistet habe. Öhömm.

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Der Reißverschluss auf dem Reißverschluss nähen. Haut hin. Sicher auch in schön.

Die „Anleitung“
(Professionelle Näher müssen jetzt sicher weinen):

  1. Du kaufst einen Reißverschluss (RV), der passt. Ziemlich passgenau.
  2. Du machst den alten Zip weg, also das Schiffchen auf den Zähnchen. Meiner saß so fest, dass ich ihn letztlich nur mit einem beherzten Schnitt herausbekommen habe. Daher die kleine Macke oben jetzt. Kann man ja wieder zunähen.
  3. Du machst ihn auf und nähst ihn erst oben fest. Je nachdem, wie der alte Reißverschluss verarbeitet ist, legst Du den RV darunter (wie bei mir in der oberen Reihe) oder drauf (so habe ich es unten gemacht). Je nachdem sieht man also die alten Zähnchen.
  4. Wenn Du ihn unten festnähst, pass auf, dass Du nicht die Tasche an sich zunähst. Sonst führst Du das Konzept der Außentasche ad Absurdum. Das sage ich nicht, weil ich Dich für blöd halte, sondern weil es mir im Übereifer, dass ich alles richtig schön fest zunähe, erst mal selbst passiert ist bzw. Mr. Robot gerade so spannend war. 
  5. Wenn  Du ihn drauflegst, klappst Du das überlappende Stoffdings vom neuen RV einmal um, damit Du eine schöne Kante zum Vernähen hast.
  6. Ich habe den RV so draufgequetscht, dass er bestenfalls im überlappenden Leder unterlappt. Von weiter weg sieht man die grobe Naht also nicht so 😉
  7. Den Anhänger vom RV habe ich mit einer Zange weggeknippst und den alten Lederanhänger mit seiner Original-Öse (die aus Stahl sein muss, uffz) durchgeführt. Das sitzt jetzt noch sehr, sehr stramm. Ich hoffe, das gibt sich im Gebrauch noch.

Nähbeschreibungen kann ich, ne? Aber ich denke, es ist auch so nachvollziehbar.

Anscheinend sind Fingerhüte doch auch eine gute Erfindung, meine Daumenkuppen sehen heute aus, als hätte ich zu viel getindert. Ich will auch nochmal sauberer drübernähen – jetzt, wo ich weiß, dass es funktioniert. Das Prinzip ist aufgegangen, und der Reißverschluss geht wieder zu. Und auf. Und zu. Und auf. Ich bin wieder neu verliebt. Ich bin noch etwas zwiegespalten, ob der Farbkontrast die richtige Lösung war, weil es der Tasche doch ein bisschen das Superschlichte nimmt, aber hej, dafür ist sie jetzt meins und passt ja immer noch prima zu meinen anderen Sachen. Vielleicht sogar noch mehr als vorher.

 

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Fazit

Wie Ihr schon merkt, bin ich ein großer Freund von: „Man muss Sachen nicht wegwerfen, nur weil irgendwas davon ein bisschen kaputt ist.“ Mit ein bisschen Geschick bekommt man es selbst hin. Reißverschlüsse auszutauschen jagt einem im ersten Moment Respekt ein – ist auf diese Weise aber recht einfach und verlustfrei umzusetzen. Und wenn etwas schief geht, kann man ja immer noch zum Fachmann.

Natürlich muss man nicht mit kaputtem Zeug herumlaufen, aber gegen ein bisschen Wabisabi ist doch echt nichts einzuwenden. Für mich hat sowas Ramponiertes mehr Charme als eine – jetzt sage ich es doch noch – Luis Vuitton-Tasche.

 

Auxkvisiter Geheimtipp

Wenn Euch Eure aktuelle Nicht-ganz-so-Lieblingstasche langweilt, könnt Ihr sie mit einem Reißverschluss in hübscherer Farbe somit ganz einfach aufwerten. Upcycling in schnell!

 

Adressen für Reißverschluss-Reparaturen und Selbermacher
in Auxburg

Aigner

Gerberei und Lederbekleidung
Vorderer Lech 32
86150 Augsburg
Montag – Freitag: 9.15 – 12.30 / 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag: 9.15 – 13.00 Uhr
Telefon: 0821 / 3 09 12
www.hirschleder-aigner.de
info@hirschleder-aigner.de

 

Reste Maier

Vorderer Lech 39
86150 Augsburg
0821 519019, werktags  09:30–18:30
Montag bis Freitag: 09:30 bis 18:30 Uhr
Samstag: 09:30 bis 17:00 Uhr
Telefon: 0821 / 51 90 19
E-Mail: 
augsburg@der-stoff.de
www.der-stoff.de

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4 comments

Antworten

Super Idee! Das bookmarke ich mir gleich mal für den nächsten streikenden Reißverschluss. Ich bin nämlich auch so eine, die ihre Lieblingsteile ewig rumzieht, bis sie wirklich auseinander fallen. Und dann ist es ein ziemliches Drama einen Nachfolger zu finden, weil der/die alte doch so perfekt war… Also ist alles, was die Lebenszeit verlängert, höchst willkommen 😉
Liebe Grüße
Carla
P.S.: Mit LV-Taschen kann ich auch schon rein optisch nichts anfangen und mit dem Preis gleich zehnmal nicht…

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Ich hätte ja sogar eine hübsche Nachfolgerin ausgekundschaftet, aber der hätte die praktische Außentasche gefehlt 😉
Eine LV habe ich gestern noch in der Tram mit Blicken getötet. Wobei ihr komischer Braun-Ton eh schon besonders tot aussieht.
Wenn Du das dann machst, gib Bescheid, wie’s bei Dir geklappt hat!

Antworten

Wer z.B. Probleme an Taschen oder Rucksäcken mit größeren Reißverschlüssen hat oder wo schweres Material zu nähen is, dem/der kann ich das Schuhhaus Gerner empfehlen, die ham mir auch schon zweimal was repariert, wo’s sonst überall hieß „Kömmer net reparieren“.
Der Laden ist an der Ecke Milchberg/Bäckergasse (http://www.openstreetmap.org/way/23425333#map=19/48.36226/10.90346)

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Danke für den Tipp, Christian! Wenn meine Konstruktion nicht halten sollte, weiß ich dann, wohin ich muss 😀 Den Laden kenne ich bislang nur vom Vorbeilaufen.

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