Du tauchst ein in den Ledersitz. Ein paar Risse hat er schon, seiner Gemütlichkeit tut das aber nichts ab. Im Gegenteil. Dein Kaffee im Papierbecher ist noch zu heiß, um ihn zu trinken, und ohnehin willst Du erst noch die Karamel-Verzierung auf dem Milchschaum bewundern ablecken. Sacht poltert ein Beat im Hintergrund, Menschengemurmel füllt den Raum, und die Schlange vor der Theke knickt im 180 Grad Winkel ab, ja könnte sich fast in den eigenen Schwanz beißen. Du siehst den Menschenrauschen den Judenberg zu, auf- und abwärts, Ebbe, Flut. Ja, Du sitzt im alten Powwow am Moritzplatz. Das es so nicht mehr gibt, ja nicht mal mehr seinen Namen hat.

Das macht uns Augsburgern nichts, und wir nennen das Heyzel Coffee auch weiterhin so – ist innen ja alles wie früher. Aber jetzt haben sie uns noch etwas anderes an dieser Stelle weggenommen. Und der Moritzplatz, wie wir ihn mal kannten, ist für immer Geschichte. Tschüss, Capitol Augsburg!

Hej Augsburg: Das Capitol ist weg!

Hast Du Dich bei dieser Überschrift an Deinem (Powwow-)Kaffee verschluckt? Denkbar wäre es. Vielleicht bleiben Dir gerade drei Spätzle im Hals stecken. Dich wird Folgendes vermutlich freuen: In das Capitol kommt der Weiße Hase. So richtig mit zünftig boarisch-schwäbischem Essen. Die Servicekräfte werden Trachten tragen und die Touris, schätzungsweise vor allem die Japanischen, begeistert jubeln.

Kommerz olé-olé, das passt ja auch hervorragend zu der Sparkasse, die sich breitbeinig Platz gemacht hat, da, wo früher das Powwow war.

Das Schlimme in Sachen Capitol: Sein Schriftzug – der, der das Stadtbild dieser Ecke so geprägt hat – muss dran glauben. Er ist bereits abmontiert. Unter einer Abdeckung, die wie ein Pflaster anmutet, verbirgt sich schon der neue. Alte Fotos vom Moritzplatz, auf denen der Capitol-Schriftzug so schön prangte, könnt Ihr ab sofort unter „historisch“ taggen.

Alle traurigen Details dazu gibt es in der Augsburger Allgemeinen nachzulesen.

Was soll das?

Dass sich eine Stadt ändert, ist nur gesund. Sollte Wandel aber nicht mit Neuerungen zu tun haben? Was ist an zünftigem Essen, serviert in Trachten, neu? Es ist eine beißende Ironie, dass ausgerechnet für so etwas der Schriftzug vom Capitol weichen muss, der selbst eine lange Tradition hat.

Das Capitol hat für viele Augsburger eine gewisse Bedeutung. Wer schon lange, lange in Augsburg lebt, hat die Kino-Zeit des Capitols bis 1998 selbst erlebt. Auf Twitter schreiben einige, dass sie dort ihren ersten Kinofilm überhaupt gesehen habe, König der Löwen, wie sie geheult haben. Jetzt heulen wir wieder, weil die Lettern abkommen.

Ich kenne das Capitol Augsburg nur als Lokal mit coolen Räumlichkeiten – es sah ja immer nach Kino aus. Der beste Platz: oben natürlich, mit Blick aus dem Fenster, an den ehemals fast schon Baz-Luhrman-esken Buchstaben vorbei auf das Treiben am Rathausplatz. Oder an der Empore direkt mit Blick in den Saal darunter, in dem andere Gäste speisen, lesen, daten. Ob das was wird? Besser als jedes Kino!

Das Essen war vielleicht nicht immer das beste, aber die Räumlichkeiten machten es wett – und die perfekte Lage sowieso. Kein Wunder also, dass sich so viele im Capitol trafen. Auch fürs Date.

 

„Treffen wir uns im Capitol!“

Das Capitol war aus gutem Grund ein perfektes Dating-Cafe:  Zentral gelegen, dass auch jeder desorientierte Münchner sofort dahin findet. Eventuellen Schwabinger Snobismus konnte man mit den cool-ehrwürdigen Räumlichkeiten schnell zähmen. Okayes Essen hier, gute Akustik da, und den Notausgang immer in Reichweite – sollte das Date sich zur einer Katastrophe entwickeln, könnte man notfalls immer noch schnell einfach in den Erdgeschoss springen. (Es gibt auch 11 andere weniger lebensgefährdende Möglichkeiten, ein Date schnell zu beenden.) Das Capitol war für mich auf angenehme Weise anonym genug, um mich einem ersten Date dort blicken zu lassen. Bestenfalls drinnen, weil es draußen doch etwas zu exponiert wäre.

 

Zwei auxkvisite Dates im Capitol Augsburg

Einer, er hatte mich ertindert und ich ihn, wartete schon draußen an einem Tisch. DRAUSSEN! Wenn Du noch nicht weißt, was und wer Dich beim ersten Online-Date erwartet, triffst Du Dich ja lieber nicht da, wo ganz Auxburg zugucken kann. Einige Wolken hörten mein Entsetzen und lachten Tränen. Schnell fanden wir uns drinnen wieder, droben, am schönen Fenster.

Es wurde noch ein eigentlich sehr schönes Date, wenn mir das „eigentlich“ nicht ständig an den Hinterkopf geklopft hätte. Das Eigentlich betraft mein Eigen-Ich: Ich fand mich neben ihm so klein mit Hut in Miniaturversion, Legende 1:1000. Er war verdammt klug, gebildet und belesen. Ich wusste vor dem Date schon, dass er Redakteur war, aber nicht, dass er bei einer der größten Zeitungen überhaupt ist. Noch dazu zuständig für einen Fachbereich, von dem ich weniger weiß als jemand, der nicht mal weiß, von welchem ich hier überhaupt spreche. Also machte ich mich präventiv selbst unnötig klein und starrte verlegen in meinen Kaffee. Wir blieben danach noch eine Weile in Kontakt, die Sympathie war ja da, Interesse auch, aber als mein Selbstbewusstsein langsam wieder auf Normalgröße wuchs, meldete sich seine Ex zurück.

So klein mit Hut beim Date im Capitol Augsburg
Der Schriftzug vom Capitol gab vielleicht ein klein wenig Schutz.
Der Zweite, nun ja, er kam mir Jahre später an einem Bahngleis entgegen, und schneller, als sein Zug weg war, war mein Interesse dahin. Vielleicht flogen an der Oberleitung ein paar Funken – es waren die einzigen an diesem Nachmittag. Als etwas zu höflich erzogener und/oder in solchen Dingen furchtbar feiger Mensch zog ich das Date wie immer dennoch durch. Wir landeten im Capitol, er redete unheimlich viel, und ich versuchte zu berechnen, wie viele Knochen man sich bricht, wenn man die Brüstung einfach so hinabspringt. Als ich bei 198 landete, ging ihm glücklicherweise die Luft aus.

 

Capitol: Und tschüss!

Wie Ihr schon seht: Das Dating-Café Nummer 1 war das Capitol nicht unbedingt für mich. Da sind andere bedeutend besser. Vielleicht wird es ja gar nicht so übel mit dem Weißen Hasen: Die Besitzer werden sicher gut verdienen und … und … die Touris werden sich freuen und … und … Hm. Der Moritzplatz wird zum Indianerfriedhof alter Augsburger Erinnerungen.

Aber geben wir ruhig auch neuen Erinnerungen Platz, manchmal klappt das ja auch: Mit dem Picnic zog am Morizplatz eine neue Instanz ein, die mindestens Powwow-Niveau hat und ein wunderbares Setting für schöne Abende und Dates bietet. Das Essen dort: Heftigst lecker (der Salat mit warmen Ziegenkäse!), da machen Dates den Jüngeren vermutlich mehr Spaß als bei Schweinebraten. Meine Trefferquote dort beträgt übrigens 100 Prozent – auf 1 Date. Deswegen brauche ich jetzt auch kein Dating-Café mehr. Die filmreifen roten Lettern vom Capitol werde ich dennoch vermissen.

 

Der Schriftzug vom Capitol wird übrigens versteigert! Wenn Ihr den haben könntet, was würdet Ihr damit machen? 

 

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8 comments

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Ich weine mit dir!

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😭😭😭

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Ojojoj… Ich möchte immer die Käsespätzle…

Sag von mir GoodBye

Stefanie*

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Ich richte es aus! Hach.

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ich glaube, die Augschburger sagen eher nicht „isch“ 🙂 Des is eher ab Ulm verbreitet.

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Des isch aba komisch! 😉
Jaja, in Sachen Schwäbisch weiß ich nach wie vor vieeeeeeel zu wenig.

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Augschburgerisch ist Augschburgerisch… mit schwäbischen Einflüssen, aber doch ganz eigen 😀
Meiner Erfahrung nach sagen wir alles mit „sch‘ außer „isch“. Wir sagen „Kannsch mir des mal bitte geben.“ und „Hasch den Film au scho angschaut?“ und „weisch, des is halt so und so“
Jedenfalls unterscheidet sich Augschburgerisch ganz krass von Ulmerisch und Stuttgarterisch. Ich fühl mich immer wie im Ausland, wenn ich in Stuttgart bin 🙂
Faszinierend ist auch, dass die ländlichen Gegenden um Augsburg herum jeweils wiederum ihre ganz eigenen Dialekte haben, so z.B. in Richtung Neuburg an der Donau reden die Menschen gänzlich anders als z.B. in den Stauden (Gessertshausen, Mickhausen, etc.)

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Hehe ja, Neuburg … da hab ich ja jahrelang gelebt als Teenie. Da gibt es dann ja auch einige Dörfer (Bertoldsheim), da versteht man erstmal n i c h t s.

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