Tinder hat eine neue Funktion! Vielleicht hat es die schon länger  – ich sah sie erst vor Kurzem: Zusätzlich zum Namen und Alter wird nun auch der Beruf angezeigt. Und ich so: „Häh?“

Tinder, was soll das?

Tinder lebte bislang vom schnellen ersten Eindruck – ich beschrieb die Funktion und den Aufbau der App bereits hier. Die App sollte das Kennenlernen lebensnah imitieren: Hingucken, gut finden, ab dafür. Oder eben nicht.

Jetzt zieht sich die App, sofern man will, auch die Information des Arbeitgebers aus dem Facebook-Account. Auf einmal sehe ich auf den ersten Blick, wo zum Beispiel Stephan arbeitet. Ist das so wichtig? Und: Wie wirkt sich das aufs Wischverhalten aus?

Welche Rolle spielt der Beruf beim Dating? Klaro: Bei großen Flirtportalen ist die Berufsbezeichnung obligatorisch. „Die User sollen wissen, mit wem sie es zu tun haben.“ Aber was bringt mir diese Information? Sicher kann ein Chefarzt, Anwalt oder Katzenfrisör beeindrucken. Wenn man drauf steht. Und wenn er einer ist.

 

Lügenmärchen bei Tinder-Profilen

„Wenn da stehen würde, dass ich Krankenpfleger bin, hätte ich keine Dates!“ erklärt mir Matthias, der bis gerade eben noch Arzt war, und nimmt einen großen Schluck Bier; nach dem hefe-erzwungenen Verlegenheitsschweigen rülpst er ein kleines bisschen und monologisiert die nächsten 17 Minuten über die „übertriebenen Ansprüche, die Frauen beim Daten heute so haben“.

Matthias füllt sein Profil deswegen PR-orientiert aus: Er schreibt nicht, was er schreiben will, sondern, was er meint, dass es andere lesen wollen. Deswegen ist er im Profil auch 180 cm groß, obwohl er nur zwei Fingerbreit größer ist als ich. Und nein, ich trage an diesem Abend keine Absätze. Leider kann ich genügend gut in die Höhe schätzen, zumindest bei Menschen, und durchschaue den Schwindel sofort. (Bei Bäumen weiß ich immer noch nicht, ob sie nun 3 oder 20 m hoch sind.) Weise ich auf die Zentimeter-Differenz hin, kommt meist ein entrüstetes „Ich bin echt so groß!“ Ich grinse und möchte noch etwas hinterherschieben, als mir einfällt, dass ich in diesem Moment Kontaktlinsen trage und er nichts davon weiß. Schnell schweige ich und lasse Matthias weiter schimpfen. Brillenträgerinnen seien die schlimmsten, meint er plötzlich. Da kommt die nächste Tram – Matthias, ich muss jetzt schnell heim! Die Linsen kratzen so.

 

Wenn ich nichts sage, lüge ich ja nicht!

Natürlich will man ein Profil erstellen, das andere anlockt: Da wird nur das Positive erwähnt. Es ist so wie in der Werbung: Du darfst durchaus ein bisschen Selbstironie und Humor beweisen, aber nur, wenn es cool ist. Bei Online-Dating-Portalen, in denen man gleich ganze Formulare ausfüllen muss, gegen die die Steuererklärung mickrig erscheint, hat man natürlich die Option, auch keine Angaben zu machen. Das Schöne ist: Hier meckert kein Amt – der Antrag auf Flirten wird gewährt.

Allerdings muss man dann beim ersten Date mit Folgendem rechnen:

  • Steht bei „Kind“ nichts, hat er eines. Oder drei.
  • Steht bei der Größe nichts, ist er unter 170 cm.
  • Steht nicht drin, wie er wohnt (also WG oder alleine), wohnt er bei Mutti oder bei einem Freund, denn er befindet sich gerade in Scheidung.
  • (Das mit der Scheidung steht natürlich auch nicht im Profil.)
  • Steht nichts bei „Job“, hat er nicht keinen, sondern einen nicht so interessanten. Oder er ist gleich so interessant, dass er super berühmt ist und ihn Kollegen finden könnten, was ihm peinlich wäre.
  • Steht nicht drin, welche Haarfarbe er hat, hat er nicht keine Haarfarbe, sondern einfach keine Haare mehr.

Ich bin übrigens einmal sehr erschrocken, als ein angeblich Brünetter beim ersten Date die Mütze auszog. Das Licht vom Powwow spiegelte sich auf der Haut. Aber sie waren ja mal brünett. Hatte er nun gelogen? Auf dem Profilfoto trug er eine Mütze. Also doch ein ehrlicher Typ? Mein rechtes Auge tickte nervös und erinnerte mich an die Kontaktlinse. Also hielt ich die Klappe und wir unterhielten uns über unseren Job, da wir das Gleiche machen. Es kam raus, dass wir beide auch mal Brille tragen, aber das war es dann leider auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

 

Welcher Tinder-Typ hat welchen Job?

Wische ich mir bei Tinder dreieinhalb Hautschichten vom Finger, läuft das jetzt ungefähr so ab – wir erinnern uns an die Tinder-Archetypen!

  1. Marvin, 34 – der Typ, der immer noch bei Mutti wohnt:
    hat nichts ausgefüllt ODER es steht etwas, naja, eher Braves da ODER da steht noch sein Schulabschluss oder Kindergarten
  2. Florian, 30 – der positiv gelaunte Poser
    „arbeitet bei selbständig“ – Grammatik ist nicht seins, er spricht ja in Emojis.
  3. Markus, 34 – der sich mit vollbusigen Frauen oder Autos brüstet:
    BMW oder MAN oder KUKA, irgendwas in prallen Versalien
  4. Sven, 31 – der Sinnliche oder Sportfakantiker
    „Mann für gewisse Stunden“
  5. Oswald-Jakob-Ibrahim, 38, mein heimlicher, saucooler Favorit:
    Nichts ODER Designer
  6. Philipp, 33 – der Reise-Mann
    Lebenskünstler ODER nichts
  7. Der Mann ohne Namen und ohne Alter – Der Geheimnisvolle
    Natürlich keine Angabe oder er nutzt den Platz für ein Zitat auf Latein
  8. Jörg, 33 – der Penis mit dem Mann dran
    Nutzt die zusätzlich Zeile für seine Telefonnummer
  9. Ben, 37 – der Mann, mit dem es eh nicht passt
    „Hab einen ganz tollen! 😉 Frag mich, Süße“
  10. Jerry, 37 – das schöne Arschloch
    Architekt, Mediziner oder irgendwas, das allgemein im Ranking ganz weit oben steht.
  11. Sebastian, 21 – der süße Typ, der viel zu jung ist
    „Universität Augsburg“, „LMU“ oder „Bloc-Hütte“
  12. Christian, 37 – der Typ, den ich kenne
    Hoffentlich nicht mein Arbeitgeber

Wir steuern endlich auf die abschließende, ultimative Frage zu!

 

Welcher Job ist am meisten sexy?

Viele Männer meinen, ein Job, der nach haufenweise Kohle oder einem hohen Status (am besten natürlich beidem) klingt, würde eine Frau schnell zu einem Superlike bewegen (den ultimativen Wischer nach oben als Bekundung höchsten Interesses). Das kann sicherlich klappen: Wer jeden Monat eine Luis-Vuitton-Tasche geschenkt bekommen will, freut sich, dass Stephan auf dem ersten Screen gleich bekundet, dass er CEO bei Dingenskirchen Blablupzations ist. Ich finde es echt gut, wenn jemand klare Werte hat und deutlich priorisiert. Ich mag Secondhand-Taschen und Volvo (der alte V70).

Bei einigen vermeintlichen Schwerverdienern habe ich neugierig weitergeguckt: Profiltext kommt da meistens keiner. Der tolle Job reicht ja als Statement. Vielleicht schiebt er noch ein, zwei drei Segeltörn-, Hunde- und Auto-Fotos nach.

Sicher ist es interessant zu wissen, was jemand beruflich macht. Sicher ist das ein Anteil unseres Lebens und unserer Person, der uns gravierend auszeichnet. Aber was hat diese Info vorm allerersten Date zu suchen? Sicher können wir mit dem Job Sympathien und Harmonien abgleichen: Lebt der andere mit seinem Job ähnliche Werte wie ich? Andererseits: Plustert jeder seinen Job mit Werten auf?

Wenn ich Oswald-Jakob-Ibrahim in der Tram kennenlerne und den Mut habe, ihn anzusprechen, und er mir bei unseren Maracujaschorlen ebenso mutig gesteht, dass er gerade keinen Job hat, sag ich dann „Bye bye“? Wohl eher, wenn er mir erzählt, dass er Steuerberater ist. Himmel, wie fade! Schon bin ich in die Schubladen-Falle getappt. Aber vielleicht verstehen wir uns trotzdem wunderbar, und er kann mir bei meiner nächsten Steuer helfen. Also passt nicht letzten Endes jeder Job, wenn es menschlich passt, und der Job ist somit Nebensache? Warum fragen wir trotzdem immer als mindestens vierte Frage, wenn wir jemanden kennenlernen, was er beruflich denn so macht?*

Laut Wirtschaftswoche kommen folgende Jobs am meisten bei Frauen an (in aufsteigender Reihenfolge): Ingenieure, Betriebswirte, Journalisten, Juristen, Lehrer, Polizisten, wissenschaftliche Mitarbeiter, Therapeuten, Architekten, Ärzte. 

Sind Gehalt und Status wirklich ein Argument für eine Beziehung 2016? Wo sich Frau selbst Bio-Papayas und Liebeskind-Taschen leisten kann? Will Lieschen Müller einen Arzt als Freund, weil sie es ehrlich bewundernswert findet, dass er ständig Menschenleben rettet, oder weil ihr ihre Mama und die Gesellschaft ständig weisgemacht haben, dass sie bei so einem am besten aufgehoben ist – weil der die zukünftigen 1,5 Kinder und ihre Shoppingsucht am besten finanzieren kann?

Ein sexy Job ist der, den die Frau sexy findet, weil sie den Mann dazu sexy findet.
Umgekehrt gilt das natürlich hoffentlich ebenso. Ich kann nur aus meiner Perspektive als Frau schreiben.

Vielleicht haben wir gewisse Berufe lieber, klar. Ich zum Beispiel ziehe immer wieder Designer an – ohne das zu forcieren. (Ich will es nicht mal!) Vielleicht ist es aber ganz natürlich, sich entweder bevorzugt im eigenen Revier oder im komplett gegensätzlichen am liebsten umzuschauen; je nachdem, ob man eben der Gegensätze- oder Harmonie-Typ ist.

Dabei wäre mir doch ein Schornsteinfeger am liebsten. Wenn ich einen Job per se sexy finden soll, ist es nämlich das! Leider habe ich noch keinen bei Tinder gefunden. Ich wische das nächste mal meinen Knopf nach oben, wenn ich einen sehe. Vielleicht funktioniert das ja auch.

 


Wusstet Ihr, dass man in Italien angeblich (ich weiß die Quelle nicht mehr) nicht gleich nach dem Job, sondern danach fragt, wo jemand aufgewachsen ist? Vielleicht fragen wir den nächsten, der keinen Job bei Tinder drin stehen hat, mal danach, wo er geboren ist. Und lauschen seinen Stories, wie es da so war und was er alles erlebt hat. Da erfindet er hoffentlich nichts – es sei denn, es gibt eine Liste der attraktivsten Geburtsorte.

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6 comments

Antworten

Wehe er ist unter 170cm! Nichts ist schlimmer als ein kleiner Mann! Aber er soll nichts über meine Brüste sagen die nicht Doppel D sind. Richtig Miriam?

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Wenn er Jared Leto ist, darf er unter 170 sein.

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Wenn sie die Brüste von Kate Upton hat darf sie dummes Zeug von sich geben…

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Womit ich nie wieder lästern dürfte. Mist!

Mein Exex war genau so groß wie ich. Mir war das egal. Ihm war mein nicht-DD leider nicht egal.

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uih, da hatt sich ja ganz schön was getan bei Tinder – als ich das letzte Mal da war, gab’s keine Infos außer Name, Alter, Fotos, gemeinsame Interessen und Anzahl der gemeinsamen Freunde.
Vielleicht lad ich es nochmal runter und suche den Katzenfriseur.

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Laut irgendeiner Studie sollen übrigens bei Männern Physiotherapeutinnen am besten ankommen. Hörte ich neulich irgendwo. Ich hab trotzdem lieber nix drinstehen 😉

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