Wie oft hätte ich gerne von einem bestimmten Moment ein Foto gemacht: Zum Erinnern, zum Posten. Für mich, Instagram, den Blog, für ein paar Likes, diese kleinen Seelenschmeichler. War aber zu spät dran – und danach auf mich selbst ein bisschen sauer. Nicht so sehr wegen des verpassten Fotos. Sondern, weil ich den Moment durch das Kamera-Suchen geschmälert, ja höchstwahrscheinlich komplett verloren hatte. 

Ein Szenario, das jeder in ähnlicher Form kennen könnte:

Oh, oooooh, wie schön!

Wo ist das iPhone?
WO IST DAS iPHONE?
Warum geht jetzt die Kamera-Funktion nicht?

Video-Funktion?! Warum ist jetzt die VIDEO-Funktion aktiv?

Hallo Moment, meine Kamera wäre jetzt bereit. Wo bist du hin?

Warum sind so viele von uns, mir inklusive, so oft so versessen darauf, alles Bemerkenswerte bildlich festhalten zu wollen? Wie wichtig ist so ein Foto tatsächlich? Wie oft sehen wir uns das danach an? Auf den sozialen Plattformen gepostet: Bedeutet uns dieses Quentchen Selbstdarstellung und potenzielles Feedback echt so wahnsinnig viel?  Klar: Schöne Dinge fotografieren, schöne Menschen ablichten, schöne Orte – und mit „schön“ meine ich einfach irgendwie für uns besonders – das geht noch relativ gut, die laufen uns selten weg, und wir können ihnen notfalls hinterherrennen. Beliebige Momente in einem Urlaub oder auf Reisen lassen sich auch bereitwillig fotografieren. Aber schöne Momente, die nur unterwegs sind, um uns Erinnerungen zu schaffen, sind kamerascheu. In dem Moment, in dem wir sie fotografieren wollen, haben wir sie schon verloren. Hinterherlaufen: Geht nicht. Wir hätten in diesem Moment eine Erinnerung erhalten bzw. schaffen können, aber bei dem hektischen Griff nach dem iPhone geben wir sie freiwillig wieder auf. Kommt dann noch das Geschrei der Gedanken hinzu, ob das Bild erst bei Facebook, Twitter oder Instagram landen und wie der perfekte Text oder Hashtag dazu lauten soll, erst recht. Und so generieren wir halbe Erinnerungen. Hoffen, dass ein paar Likes diese aufpäppeln (wenn 14 Leute sagen, wie schön das ist, dann muss es das doch gewesen sein) oder das Bild beim fünften Mal Anschauen plötzlich mehr Tiefe erhält. Das tut es aber nicht. Halbe Erinnerungen sind eben sehr undankbar, aus ihnen werden selten ganze. Eigentlich nachvollziehbar – wäre ich eine Erinnerung, wäre ich auch angepisst, würde jemand nur so halb auf mich achten, wenn ich ihm gerade ein tolles Geschenk machen will.

Pics or it did not happen.

Da war dieses Aufblitzen, die Reflektion der Morgensonne, quer durch den Nebel. Ich pendelte damals noch täglich nach Friedberg, dem Mini-Nachbarschaftsstädtchen, das sich mehr wie ein Dorf anfühlt. Von der Welt sah ich an diesem Morgen nur wenig, auf meiner linken Zugseite quasi gar nichts, nur weiche Abstufungen von Weiß zu Dunkelweiß. Auf der rechten Seite hatte sich die Sonne bereits, ohne dass ich es gemerkt hatte, doch etwas durchgesetzt, und dann, zack, plötzlich, strahlte etwas quer durch den Nebel – gleißendes, geometrisches Weiß durch weiches Nebelgeseier. Es waren mehrere Strahlen, wie viele, weiß ich nicht mehr. Es kam so plötzlich wie das überraschende Happy End einer Dystopie. Unwirklich, überraschend und sehr schön.

Die wenig romantische Ursache: Die mehr als hässlichen Hochhäuser in Hochzoll, die zum Glück selbst komplett im Nebel verschwunden waren. Ein bisschen Sonne spiegelte sich in ein paar Fenstern. Das war’s. Oder ein Konzeptkünstler hat die Lichtbrechung genau berechnet und das Spektakel extra für den 8-Uhr-52-Zug veranstaltet. Und ich hatte das Glück, diesen Sitzplatz erwischt zu haben, der genau zu der richtigen Sekunde am richtigen Ort war.

It did happen.

Hätte ich von diesem Moment ein Foto, es wäre für meinen Begriff unfassbar kitschig. Und dabei war es real so wunderschön anzuschauen. Dieses – einundzwanzig – nicht mal eine Sekunde lange Erlebnis muss jetzt mindestens fünf Jahre her sein, aber das Bild ist immer noch in mir. Nicht mit allen Details, aber immer noch verbunden mit all den Gefühlen von damals: Der Überraschung. Dem Genuss. Der Freude. Aus diesem Moment wurde eine Erinnerung. Und diese eine hat mir gezeigt, dass sie jeden Moment passieren können. Eins können sie aber nicht: Festgehalten werden. Auf Film schon mal gar nicht.

Walter Mitty: Wann drückst du auf den Auslöser?
Sean O’Connell: Manchmal gar nicht. Wenn mir ein Moment gefällt, ich meine, mir … persönlich, dann will ich nicht, dass mich die Kamera irgendwie ablenkt. Dann will ich einfach nur … darin verweilen.
Walter Mitty: Darin verweilen?
Sean O’Connell: Ja, so wie gerade. Hier und jetzt.
(aus: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty, 2013)

Fotos von sehr vielen auch-schönen Momenten vom Stereowald-Festival zum Beispiel oder auch vom Modular (ES GIBT EIN MODULAR 2016! Das wisst Ihr, ne?)  oder Auxburg oder auch mal Wien oder München mache ich natürlich immer noch gerne – siehe BILDERBUCH – und lasse mir das nicht nehmen, dafür liebe ich das viel zu sehr. Aber dann möglichst bewusst. Wenn ich spüre, dass eine Erinnerung angehoppst kommt, lasse ich die Erinnerung lieber eine ganze werden. Eine Möglichkeit ist: Genießen. Und dann ablichten, was davon noch übrig ist. Wenn man es dann noch braucht. Die Bäume auf dem hier dargestellten Bild fand ich einfach schön, und sie sind freundlicherweise stehen geblieben. Es sind also keine Erinnerungen zu Schaden gekommen.

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4 comments

Antworten

Seit ich ein komplettes Feuerwerk verpasst habe, weil ich ein einziges gutes Foto schießen wollte, lasse ich es. Natürlich mache ich noch immer Unmengen von Bildern, aber die ganz besonderen Momente lasse ich verstreichen.
Mein persönliches Glück ist, dass mein bester Freund noch verrückter nach Fotos ist. Wenn ich mich entspannt zurück lehne, drückt er auf den Auslöser.
Tolles Foto!

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Das ist natürlich ein Riesenglück :) Und wie geht es dann Deinem Freund damit? Je geläufiger einem die Technik ist, umso weniger Ablenkung ist es dann ja auch, aber so ganz ohne …

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Er genießt es zu fotographieren. Es ist sein größtes Hobby. Nur manchmal bitte ich ihn die Kamera wegzulegen. Dann tut er es auch.

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Das mit den besonderen Momenten verpassen kenne ich nur zu gut. Wenn ich bei Konzerten fotografiere geht es mir oft so. Oder mir kommt es zumindest so vor. Mittlerweile versuch ich so schnell wie möglich ein paar gute Fotos zu machen und danach wird die Kamera einfach weggepackt :)

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