Du bist in Paris. Der Wind weht. Dein Weg führt Dich durch ein bezauberndes Arrondissement, und der Wind heult durch die Gässchen und brüllt Dir direkt ins Gesicht. Du schlingst die Arme um Deinen dicken Parka, tauchst mit Deiner Nase tief ein in Deinen riesigen Schal ein und erhaschst dabei einen Hauch Deines Lieblingsparfums. Ach Paris, du blöde Kuh! Bei dem Wetter wäre man mal lieber daheim in Augsburg geblieben. Aber ist es da wirklich besser? Und dann auch noch das: Auf einmal kreuzt eine Pariserin Deinen Weg: So eine Clémence, Charlotte oder Audrey. So elegant. So unglaublich lässig. Der Saum ihres Wollmantels tanzt mit dem wilden Wind Tango; ihre nackte Hand führt unbeeindruckt eine Zigarette an die rotgeschminkten Lippen. Klischee olé – diese Pariserin lässt Dich stutzen. Egal, ob Du Mann oder Frau bist.
Was macht den Reiz der Pariserinnen aus? Das erklären Stil-Bibeln wie „How to be Parisian“ oder „Love Style Life“.
Die vier Autorinnen von „How to be Parisian“ wirken typisch pariserisch: Ein bisschen von oben herab, leicht spöttelnd und zu cool für diese Welt.
Bloggerin Garance Doré, Schriftstellerin von „Love Style Life“, mutet schon wesentlich herzlicher, nahbarer und warmherziger an. Liegt es an ihren korsischen Wurzeln oder dass sie einige Zeit in New York gelebt hat?
„Wenn eine Stadt die Menschen prägt und die Menschen ihre Stadt, wie sähe dann wohl die typische Augsburgerin aus?“, fragst Du Dich vielleicht in Deinem praktischen Parka. Du läufst der Pariserin hinterher in das hübsche kleine Café, setzt Dich in Sichtweite und beginnst die Analyse.
Vergleiche? Folgen gleich, garantiert! Auch wenn es so wenig bzw. viele „typische Pariserinnen“ wie „typische Augsburgerinnen“ gibt. Aber bei Sauwetter und einem Café au lait stellt man solche Überlegungen gerne an, wenn man in einem Coffeetabel-Book wie den oben erwähnten zwei blättert. Also auf, auf ins stylische Klischee-Kistchen!
Was ist der Look der typischen Augsburgerin?
Folgende 12 Stil-Merkmale enttarnen die Augsburgerin – vorausgesetzt natürlich, sie ist eine echte! (Ob Du als Zugezogener schon genügend zum Augsburger geworden bist, kannst Du an da nachlesen.)
Eines schon vorweg: Ja, tatsächlich hat die Augsburgerin mit der Pariserin so einiges gemeinsam …
1. Die Augsburgerin ist wie die Pariserin vor allem eines: Lässig.
Nun ist die Pariserin eine, die gerne Gegensätze vereint. Darum kombiniert sie wie keine Zweite „lässig“ mit „elegant“. Die lässige Augsburgerin ist da weitaus pragmatischer und weniger an Gegensätzen interessiert: Ihr zweit-liebstes Adjektiv lautet nämlich: „praktisch“.
Manche machen sich über die Augsburgerin lustig, wenn sie in ihrer regen- und sturmfesten Jack Wolfskin oder überteuerten Woolrich-Jacke die Höhenmeter des Judenbergs bezwingt. Aber die Unwissenden lachen nur so lange, bis sie der nächste Windstoß über den Moritzplatz wieder den Berg hinabfegt.
Also: Gutes Schuhwerk angezogen und den Berg wieder hinaufgestapft!

2. Die Augsburgerin trägt flache Schuhe.
Egal, wie modeverliebt die Augsburgerin auch sein mag, sie ist eben praktisch veranlagt und weiß: In Augsburg kann man unmöglich seinen Alltag in Pfennigabsätzen bezwingen. Die Altstadt besteht nunmal nonstop aus Kopfsteinpflaster. Deswegen sehen die wenigen Absatzschuhe der Augsburgerin wie das Lieblings-Kauspielzeug einer Bulldogge aus.
Macht aber nichts: Flache Schuhe können ja auch schön sein. Deswegen hat die Augsburgerin Chucks in allen Regenbogenfarben, neuerdings auch (wieder) Docs, und wer im Sommer auf die Idee kommt, ihre Birkenstocks mit einem „Uh, wie ökig!“-Blick zu strafen, bekommt einen Birki mit schwarzem Fußabdruck an die Stirn geknallt.
3. Die Augsburgerin, ihr Parfum & ihre Haltung
Für die Augsburgerin darf es auf keinen Fall Chanel oder Yves Saint Laurent sein: Viiiiiiiiiiel zu Mainstream! Über alles Gewöhnliche, Übliche und peinlich Kettenmäßige rümpft sie ihr gepudertes Näschen (siehe 6). Und Chanel ist ja auch nicht bio! Deswegen kauft die Augsburgerin lieber ein Organic-Glam-Parfum bei Greenglam.
Für Fortgeschrittene: Die gehobene Augsburgerin kauft im Parfumhaus Naegele. Die wie Luxus-Apotheker bekittelten Verkäufer beraten vermutlich am liebsten Augsburger in der 26. Generation. Zumindest ich Zugezogene wurde einmal übelst mitten im Laden brüskiert, als ich in aller Ruhe Düfte testen wollte: „Sie riechen jetzt doch nichts mehr!“–„Äh, doch?!“–„Nein, tun Sie nicht!“. Ich ging, ohne etwas gekauft zu haben. Somit bleibt dem Traditionshaus genügend Zeit für die richtigen Augsburgerinnen: Die zahlen auch gerne 40 Euro für einen Bronzer von Guerlain (siehe 6.). Wenn das nicht mal wieder typisch Parisienne ist!
4. Die Augsburgerin trägt Rucksack …
Und zwar nicht unbedingt einen stylischen aus Leder, dessen Laschen easypeasy mit Magnetverschlüsse zu schließen sind, sondern ein 40-Liter-Monster von Deuter. Den schleppt sie immer und überall mit, ob in die Arbeit, in den Basic oder ins Theater. Denn Deuter ist von … na, na, wo wohl?
5. … oder eine braune Vintage-Tasche.
Cognac, hellbraun, dunkelbraun: Die Augsburgerin ist an der braunen Handtasche zu erkennen. Wenn sie kaputt ist, versucht sie, sie selbst zu reparieren. Sie ist dabei aber nicht nur schwäbisch-sparsam, sondern vor allem denkt sie nachhaltig.
Oft ist die Tasche Secondhand, z. B. von Vinty’s oder von ihrer (Groß-)Mutter übernommen. Es muss kein übertriebenes Label sein, sondern einfach Qualität. Da geht die Augsburgerin mit der Pariserin d’accord. Eine Tasche ist zum Leben da und wird nicht aufs täglich andere Outfit abgestimmt, sondern eben einfach: benutzt. Man muss mit der Tasche auch einfach der Tram hinterherlaufen und Rad fahren können.
Einen Hass auf ihre prall gefüllte Lieblingstasche schiebt die Augsburgerin dann aber doch, wenn sie ihren Schlüssel sucht. Spätestens, wenn sie ihr Lieblingsteil (siehe 11.) in der Tasche versenkt hat, wird es mitunter bedeutend es einfacher, einen Römerschatz aus dem Lech zu heben.
6. Das MakeUp der Augsburgerin
Stand: 2015 | Die Augsburgerin beherrscht das schnellste und ehrlichste No-MakeUp-MakeUp der Welt: Sie trägt gar keins. Wenn sie Besonderes vor oder drauf Bock hat, trägt sie nur Eyeliner oder nur rote Lippen. Ja, nur den Kajal! Ohne Tusche. Oder so wenig, dass man das meinen könnte. Tricksen kann sie! Wenn sie sich im Winter zu blass fühlt, greift sie auch mal zu Bronzer. Aber lieber zu „02 Sunkissed“ von Alterra (Naturkosmetik! Günstig! 4 Euro!) anstatt dem überteuerten Teil von Guerlain (40 Euro!!!!!) (Love Style Life, S. 148). Der passt ja auch zu so ziemlich jedem Teint – diese Aussage trifft auf beide zu.
Update: 2025 | Die Augsburgerinnen 35+ halten es immer noch gerne mit dem oben erwähnten Minimalismus. Die jüngere Generation, die sich was aus Mode und Kosmetik macht, zeigt das auch mit allen möglichen Mitteln: Da werden nun Wimpern geklebt und verlängert und gefärbt und gewellt. Fingernägel sind gerne vier Zentimeter und länger lang. Understatement? Nein Danke!
Die Pariserin hingegen behauptet lediglich nur, sich nichts aus Schminke zu machen. Das ist ja auch fast nichts, was sie da trägt: Foundation gemischt mit Feuchtigkeitscreme, Concealer, Highlighter, ein Touch Bronzer, Rouge, Mascara, drei Beige-Töne, um das Auge perfekt zu schattieren, Lipliner und Lippenstift. Das ist ihr schlichtes-Makeup für jeden Tag. Die Pariserin trägt Smokey Eyes und/oder den perfekte Lidstrich und rote Lippen nur zu besonderen Zwecken wie Baguette-Holen. Pheeeew. Ganz schön viel Arbeit. Und dann verschmiert alles beim Knutschen oder nächstem Regenguss! Wie unpraktisch. Aber gut aussehen tut es zugegeben durchaus.
7. Die Haare der Augsburgerin
2015 | So viele Köpfe wie es in Augsburg gibt, gibt es auch Frisuren. Junge Augsburgerinnen erkennt man an der kleinen Bommel auf dem Hinterkopf, der die große auf dem Oberkopf abgelöst hat. Andere junge Augsburgerinnen erkennt man von hinten gar nicht mehr als junge Augsburgerinnen, weil sie ihre Haare grau gefärbt haben. Die älteren färben mit Biofarben oder auch nicht; die einen tragen akkurate Frisuren mit oder ohne Pony, die anderen scheren sich wenig darum und laufen den ganzen Tag mit einem Wuschelkopf out of bed herum. Was ja wieder recht französisch ist. Viele tragen den Augsburger Seitenscheitel; es ist halt genetisch bedingt oder den Windstößen geschuldet. Manche tragen gar keine Frisur, sondern irgendwas, das irre praktisch ist.
Ja, die Augsburgerin kann eben alle Haartrends, aber eines verrät sie denn doch als typische Augsburgerin: Der Haargummiabdruck am Handgelenk.
2025 | Der Scheitel hat sich definitiv in die Mitte verlagert, bei den Frauen in den Zwanzigern dominieren sleek geglättete, lange Haare. Getoppt wird es nur von glossy Haaren – einer glatten Spiegelfläche, die die Straßenlichter reflektierend ordentlich gekämmt über die Schultern der jungen Augsburgerin fällt.
8. Die Eigenart der Augsburgerin
Pariserinnen sind mystisch, sexy, faszinierend – und auch mal zickig und anstrengend. Wieso sagt sie „Oui“ wenn sie Nein meint oder nichts, wenn ihr funkensprühender bis vernichtender Blick doch so vieles sagt? Dann zieht sie an ihrer Zigarette, Männer wollen spätestens in diesem Moment über sie herfallen, aber sie, die coole Pariserin, lässt ihren Blick nur in die Ferne schweifen und hat einen Mundwinkel leicht spöttisch gehoben. Sie hat eben dieses Je ne sais quoi.
Die Augsburgerin hingegen kann par excellence granteln. Meistens ist sie herzlich und natürlich.
9. Die Augsburgerin und ihr liebster Sitzplatz
Während jede Pariserin ihre Lieblings-Bank hat (How to be Parisian, S. 52), hat die Augsburgerin kein Problem damit, sich direkt auf den Boden zu setzen. Deswegen können Touristen den Rathausplatz oft nicht ausfindig machen, weil er unter all den Augsburgern kaum mehr zu sehen ist. Ich bin mir sicher, der Rathausplatz hängt deswegen schon ein wenig durch.
Und, wie praktisch: sich so oft auf den Boden setzen und wieder aufstehen müssen spart die eine oder andere Yoga-Stunde oder das Brazilian-Butt-Training. Trotzdem legt die Augsburgerin viel mehr Wert auf Sport: Sie klettert, läuft oder geht wandern. Und immer ist Ihr Rucksack von Punkt 4 mit dabei!
10. Was die Augsburgerin so trinkt
Gehört es sich für die Pariserin zum guten Ton, zwischen 19.30 Uhr und 23 Uhr ein Glas Rotwein zu trinken, hat die Augsburgerin in der Zeit mindestens einen Gin Tonic vernichtet. Vielleicht sogar den stadteigenen AUGUST Gin.
Sie weiß, dass das Annapam dafür eine super Adresse ist, denn dort erhält sie dank eines ausgefeilten Psycho-Tests ihren individuellen Gin Tonic: Fruchtig oder zitronig? Nach der letzten Antwort erhält die mittlerweile mundtrockene Augsburgerin ihren passenden Gin Tonic. In dem dann auch mal eine Himbeere schwimmen kann anstelle des viel diskutierten Gurken- oder Limetten-Schnitzers. Das wäre ihr eh viel zu mainstream.
Was sie sonst so mag? Spezi natürlich. Das kommt ja auch aus Aux. Oder eben Bier: Eines von Riegele, Thorbräu oder Hasenbräu. Oder … klärt mich hier ruhig auf, ich selbst trinke keines. Höchstens Gösser Radler oder mal ein oberbayerisches Helles auf dem Kuahgartn. Jetzt werde ich sicher aus Augsburgs Stadtgrenzen verwiesen. Aber stop, beim nächsten Punkt kann ich mithalten!
11. Das absolute Lieblingsteil der Augsburgerin
Die Augsburgerin wäre keine Augsburgerin, hätte sie nicht ihre Geheimwaffe, die wie der schwarze Blazer der Pariserin zu allem passt. Und noch dazu so praktisch ist! Es ist wie der Blazer ein Klassiker und passt sogar noch unter den praktischen Parka.
Es ist, voilà: Die Strickjacke. Die ist so super, weil sie so superpraktisch ist:
- Eine Strickjacke passt überall dazu: Zu Jeans und Shirt, Kleid, Rock und Bluse, oder einfach über den Schlafanzug drübergezogen, wenn man sich sonntags mal nicht wirklich anziehen will.
- Eine Strickjacke kann man schnell aus- und wieder anziehen. (Probier das mal mit dem „Pull Marine“, dem dunkelblauen V-Pulli, den die Pariserinnen so gerne tragen.)
- Eine Strickjacke lässt sich praktisch zusammenknüddeln und im Deuter-Rucksack oder der namenlosen Handtasche verstauen.
- Eine Strickjacke als Turban oder Schal getragen enttarnt den Hipster.
- Auf eine Strickjacke kann man sich draufsetzen, wenn der Boden schon ein bisschen kühl ist.
- Mit einer Strickjacke kann man den umgekippten Gin Tonic aufwischen.
- Strickjacken gibt es in allen Farben und in allen Formen: Mit V- oder rundem oder Wasserfall-Ausschnitt, aus dickem oder dünnen Strick, aus Polyester (uwäh!) oder aus bio-Wolle (hmmmmmm!), mit ellbogen- oder fingerknöchellangen Ärmeln, mit Fledermausärmeln, mit Raglanärmeln, mit runden Knöpfen, kleinen Knöpfen, großen Knöpfen, Knebel-Knöpfen oder mit gar keinen, in oberschenkellang oder hüftkurz, mit Bündchen oder ohne, figurnah geschnitten oder sackartig weit, einfarbig, zweifarbig, mit Muster, mit Taschen und … oder …

12. Der gar nicht absolute Geheimtipp, um herauszubekommen, ob SIE eine echte Augsburgerin ist:
Lass sie ihre Strickjacken aufzählen. Wenn sie mehr als zwei hat, ist sie eine original Augsburgerin – oder eine Zugezogene wie ich, die sich perfekt assimiliert hat.
Quellen:
How to be Parisian – wherever you are; Liebe, Stil & Lässigkeit à la francaise // von Anne Berest, Audrey Diwan, Caroline de Maigret und Sophie Mas // btb-Verlag
Love Style Life // von Garance Doré // Mosaik Verlag // Dass Garance Doré einen gar wunderbaren Blog hat, dürfte weltweit bekannt sein.
– Namensnennung unbezahlt –