Die Gesellschaft ist gespalten. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Jetzt könnte man nach Schuldigen suchen, denn Verursacher muss es doch geben. Sonst wären wir als Gesellschaft ja nicht da, wo wir jetzt stehen. Es ist jedoch ein Trugschluss, die Bösen nur „da oben“ oder im Außen zu suchen: Den Keil haben wir selbst als Gesellschaft durch uns treiben lassen. Denn wie geschieht Spaltung denn? Ein Keil kann nur durch einen Boden gezogen werden, der brüchig ist. Bevor wir diese Geschichte nun endlos durchspielen, warum der Boden überhaupt brüchig ist, setze ich persönlich lieber da an, wo ich etwas ändern kann: Bei mir selbst. Denn mich treiben die Jahre seit 2020 immer noch um. Ich habe das Schweigen der Mitte selbst fleißig gepflegt.
„Wir brauchen eine neue Zeitrechnung“, dachte ich mir gleich zu Beginn von Corona. „Wir brauchen ein Ante Coronam, a. c. und post, p.c.!” Dass es danach nie wieder wie vorher sein würde, erschien mir sofort klar. Bis heute ist keine Besserung nicht eingetreten. Oft sieht es sogar aus, als würde alles immer schlimmer. Aber halt, geh jetzt nicht, weil Du Dir denkst, dieser Schrieb landete schnurstrecks in einer Dystopie: Tatsächlich habe ich tief in mir das Vertrauen, dass diese Geschichte gut ausgeht. Und das Schönste: Für uns alle! ✌︎
Aber gehen wir jetzt hin, an den Ursprung dieser Geschichte: Als der ganze Scheiß mit Corona losging. Denn auch ich gehöre zu der Schicht, über die man am wenigsten spricht: zur unerhörten Mitte. Weil man uns nicht zugehört hat – und weil wir gar nicht erst unseren Mund aufgemacht haben.
Bei mir war es ganz klar: aus Angst.
Die Angst, sich zu äußern
„Die Meinungsfreiheit ist dahin!”, beschweren sich die einen.
„So ein Quatsch, die ist noch da! Du musst nur damit leben, dass du mit entsprechenden Konsequenzen leben musst, wenn du etwas sagst”, die anderen.
Beide haben Recht.
Die unangenehme Verschiebung der letzten Jahre ist jedoch, dass die Konsequenzen schon sehr früh ansetzen: Es reicht heute wenig, dass man Richtung „Schwurbler, Schwurbler, Nazi, rechts” gedrängt wird. Ebenso wird die „Woke”-Keule schnell geschwungen. Mit so einer Verurteilung fühlt sich keiner wohl. Da ist es verständlich, dass man lieber gar nichts erst sagt …
Ich als lediglich mit dem inklusiven Substantivum gendernde Esoterikerin habe allerhöchste Sorge, im Nu als komplett rechtsaußen abgestempelt zu werden. Ich habe also große Angst vor diesem Text. Sehr große.
Und dennoch komme ich nicht länger darum herum.
Warum ich jetzt sprechen muss
Ich sitze hier, mitten in der Nacht; diesen Text zu schreiben begonnen habe ich um vier Uhr, als ich zum wiederholten Mal wach lag. Ich habe Schmerzen; mein Kiefer tut weh. Was sich anfühlt, als hätte mich jemand komplett K.O. geschlagen, ist eine Mordsverspannung – Kiefer, Wangen, Hals, Nacken, Kopf, es ist ein einziges Auaaua. Jetzt meckert auch noch ein Zahn, obwohl ich erst vor Kurzem beim Zahnarzt war und eigentlich alles gut sein müsste.
Bei Symptomen sehe ich immer auch hin, was mir mein Körper sagen will. Die passende Frage lautet diesmal: „Warum so verbissen?” Oder auch: „Warum bekomme ich meine Klappe nicht mehr auf?“ Denn zu diesem Zeitpunkt kann ich nur noch hauchdünn geschnittene Apfelscheiben und Suppe essen.
Ich bin frisch selbständig. Alleine das ist anstrengend genug. Es war mir klar, worauf ich mich einlasse, aber es dann zu erleben, ist noch einmal etwas anderes. Es läuft schlecht, weil die Zeiten schlecht sind – Inflation, KI. Wer will da einen Kreativen beauftragen? Es gibt aber durchaus Kreative, die genügend zu tun haben. Ich verorte das Problem von daher durchaus bei mir selbst, bei meiner nicht hundertprozentig gelebten Aufrichtigkeit. Bei meinem ur-eigenen „Nicht ausdrücken, was mir auf der Zunge liegt“. Etwas, das mit ehemaligen Creative Director, die im Agentur-Kontext immer mit als Erste ihre Klappe aufgemacht hat, besonders weh tut.
Ich habe mich selbständig stummgeschalten
Der andere Mecker-Kollege und ich, wir haben mittlerweile beide die Agentur verlassen.
Seit Jahren schon fühlte ich mich nicht mehr so wohl wie früher. Denn in den letzten vier, fünf Jahren merkte ich, dass ich nicht mehr sein konnte, wie ich war. Dass ich nicht einfach sagen konnte, wie ich dachte. Umso verrückter und in meinen Augen unverständlicher, weil wir früher – also a. c. – alle ähnlich dachten. So sah es jedenfalls aus.
Während Corona sagte ich nichts, weil ich schnell gemerkt hatte, dass ich mit meiner Meinung allein dastand. Abgesehen davon hatte ich lange Zeit erst mal keine, weil ich ja nicht wusste, was da nun draußen los war auf dieser verrückten Welt!
Als das Thema dann der Krieg in der Ukraine war, kam die nächste Klatsche: „Miriam, das kann man heute doch nicht mehr so sagen!” Worauf das die Antwort war? Als ich meinte, ich wäre Pazifistin.
Wenn ich keine Meinung hatte zum Ukraine-Krieg oder dem im nahen Osten, mich auf keine Seite schlagen wollte und mangels Wissen gar nicht konnte, sondern nur meinte: „Jeder Tote ist ein Toter zu viel!“, dann wurde das mit einem Kopfschütteln und Stirnrunzeln quittiert.
Los ging es bereits Wochen vorher mit einem: „Miriam, wenn du so eine Ungeimpfte bist, bist du dann jetzt für Russland ?” Mein „HÄH?!” hätte nicht lauter auf meiner Stirn stehen können: Da war das Corona-Thema endlich durch, und jetzt sollte es endlos mit dieser komischen Kausalkette weitergehen?
„Hallo, ich bin Miriam und ich bin …”
Dass ich mich während der Pandemie gegen die Impfung entschied, wusste ich von Tag 1 an: Ich werde mich nicht impfen lassen, wenn nun innerhalb kürzester Zeit etwas auf den Markt kommt. Ein neuartiges Virus erfordert einen neuen Impfstoff. Der ist mir nicht lange genug getestet. Punkt! My Body, my choice – das galt bis dahin doch auch.
Selbst wenn zehn Länder der Welt gleichzeitig drei Wochen lang forschen, hat man am Ende keine dreißig Wochen lang geforscht – so meine Logik.
Da ich in der Arbeit ohnehin zu 100 Prozent im Homeoffice war, habe ich mich komplett isoliert. Anstecken wollte ich mich auf keinen Fall! Also ging ich nur raus, wenn es sich nicht vermeiden ließ. In der Zeit lernte ich, kunterbunt zu kochen. Mein Höhepunkt waren zehn Tage nonstop in der Wohnung. Als ich endlich wieder spazieren ging, hatte ich drei Tage danach Muskelkater. Am ganzen Körper.
Im Agentur-Chat wurde schnell offensichtlich, wer alles geimpft war: „Ich bin mal kurz weg, impfen!” Bumm, hagelte Sternchen und Herzchen wie sonst nicht! Ich enthielt mich irgendwelcher Reaktionen. Ist das nicht privat?

Und plötzlich wussten es doch alle
Dass es niemanden angeht, was ich mit meinem Körper mache, war zu dem Moment vorbei, als ich vor versammelter kleiner Runde ganz merkwürdig geoutet wurde: „Wenn es jemand offen wie du zugibt, Miriam, dann ist es ja ok, dann kann ich mich darauf einstellen …”, begann ein Kollege. Ich, total baff, versuchte gar nicht erst, es abzustreiten oder mich zu wehren.
Woher wusste er …? Ich hatte nur meine engsten Kollegen ins Vertrauen gezogen. Und worauf „stellt man sich” dann bitte „ein”? Dass ich die böse Virenschleuder bin? Dass man mich nun ab sofort besser meidet?
Körpersprachlich wurde mir das durchaus signalisiert, als wir wieder einmal zurück im Büro waren. Ich fand es erschreckend und traurig, gleichzeitig hatte ich damit gerechnet. War ja klar, dass mein abnormes Verhalten Konsquenzen haben würde!
Der Schmerz des Alleinsein
Als Introvertierte hätte ich mit dem Homeoffice per se kein Problem gehabt. Es ist aber etwas anderes, wenn man bemerkt, dass man nicht nur alleine, sondern abgeschnitten ist. Oder etwas, das abgeschnitten werden müsse, wo ich doch nun immerhin zum „Blinddarm der Gesellschaft” gehörte.
„Alle Ungeimpften sind Arschlöcher und sollen verrecken” las ich an einem Abend auf Twitter. In meiner eigenen, wohl kuratierten Augsburger Twitter-Bubble! Ein Haufen Leute, mit dem ich doch immer so gut ausgekommen war! Bis, naja, bis Corona. Ich hielt es auch dort nur noch aus, weil ich ständig meinen Mund hielt.
An diesem Abend lag ich heulend auf der Couch und dachte kurz daran, mein Brotmesser zweckzuentfremden. Zum Glück erschrak ich sofort über diesen Gedanken. Womöglich wollten die anderen nicht, dass „Menschen wie ich” lebten, aber ich durchaus!
Wenn es nach Jens Spahn gegangen wäre, würde ich in ein paar Monaten ohnehin tot sein.
Komischerweise war ich all die Zeit über immer gesund. Kollegen fielen reihenweise wegen Corona aus, und ich, die Ungeimpfte, arbeitete – wann immer nötig und möglich – ihr Pensum mit ab.
Wer redet schon darüber?
In meinem Umfeld war alles mindestens zweifach geimpft, deutlich zu erkennen an den Spritzen-Emojis bei den Chatnamen. Mitunter sah das glatt wie ein Wettrennen aus!
Den Impfstatus so nach außen zur Schau zu tragen, irritierte mich zutiefst. Vermutlich hätte ich allein schon aus Prinzip zur „anderen Seite” überlaufen sollen, aber die war mir auch nicht geheuer: Die aggressiven Stimmen von beiden Seiten hatten beide einen Tonfall, mit dem ich nichts anfangen konnte. Wer sich im Recht wähnte, wer meinte, alles zu wissen – dem konnte ich erst recht nicht glauben. Dafür erschien mir die Sache insgesamt viel zu ungewiss.
Zumal nicht mal meine Familie in Sachen Corona einer Meinung war, hatte ich nur Wenige zum Reden. Genau genommen eine Person. Zwei Jahre lang. Ich beklagte mich nie, vor Geimpften schon gar nicht, weil da nur ein „Jammer nicht herum, lass dich halt endlich impfen” gekommen ist. Als der Passiv-Impfstoff „endlich da“ war, betonten es die Chefs wiederholt. Jetzt könnten sich auch endlich die … die noch nicht … Aber wir wollten selbst da immer noch nicht. Weil uns das Zeug eben zu neu war!
PS: Nein, wir Ungeimpften in der Arbeit rotteten uns nicht zusammen. Wir wussten ja gar nicht, wer auch …… nicht.
WENN ich Monate später zufällig mit jemandem im Gespräch darauf kam, war ich tatsächlich aber immer eins: erleichtert. Und auch eines: überrascht!
Vermutlich hätte ich meine krasse soziale Isolation nicht erleben müssen, wenn ich früher laut gesagt hätte, wozu ich stehe – zu mir, zu meiner Einstellung und Haltung, zu meinem Körper und meiner Intuition.
So stehe ich seit fünf Jahren gefühlt auf weiter Flur und sehe immer wieder traurig, wie sich Freundschaften auflösen, aufgelöst haben, wie man nicht mehr wirklich zusammenfindet, die Lust aufeinander verloren hat …
Ich bin dennoch froh über meine Entscheidung und bereue es nicht, mich für meinen Körper entschieden zu haben. Schon gar nicht, seitdem die Impfschäden immer mehr bekannt und publik werden. Ich bereue höchstens, den Mund nicht früher aufgemacht zu haben, nicht deutlicher offen zu mir gestanden zu haben.
Denn ich hätte a.c. niemals gedacht: dass ich zu sowas imstande wäre.
Und jetzt?
Warum das alles? Man könnte das Thema doch ruhen lassen. Ja, ich weiß: Viele nervt es, die „ollen Kamellen“ wieder herauszuholen.
Ich schreibe hier, unnötig und auf die Gefahr hin, meinen sozialen Suizid zu vollenden.
»Überlebt habe ich die verrückte Zeit ja nur, weil ich meine Klappe gehalten habe.«
So dachte ich zumindest die ganze Zeit über. Vielleicht habe ich länger überlebt, aber dafür ist in mir selbst immer mehr etwas gestorben. Kein guter Tausch, wenn Du mich fragst!
Über Corona habe ich auf Auxkvisit nur wenig geschrieben, weil ich die längste Zeit ja nicht wusste, was ich von dem Thema halten soll: Anfangs habe ich die Herren Söder und Drosten durchaus gelobt. Ein bisschen Edeka-BlackMirror-Dystopie habe ich beschrieben, die zeigt, wie penibel ich mich an die 1,5m-Abstandsregel gehalten habe. Dass mir Wokeismus als rein moralische Überheblichkeit auf den Keks geht, sieht man in dem Artikel über Virtue Signalling. Mehr war es dann auch nicht, was ich herumpolitisiert habe. Wobei ich das als Bloggerin durchaus gerne machen wollte. Aber ich meinte ja zu wissen, welche Reaktionen folgen. Und die wollte ich nicht. Also schwieg ich.
Und dieses Schweigen muss ich jetzt endlich brechen. Denn es gehört für mein Verständnis auch zu einem aufrichtigen Leben, zumal ich nunmal wieder öffentlich schreiben will. Ich tue es auf die Gefahr hin, dass mich jetzt mehr als die Hälfte meiner Leser hassen. Im besten Fall öffnet es aber den Zugang zur anderen Hälfte, zur ebenfalls ungehörten Mitte, die aus Angst ständig still gehalten hat. Oder weil sie einfach keine Kraft dazu hatte – oder keinen Sinn darin sah.
Wir müssen selbst das Schweigen brechen
Die extremen Stimmen haben in den letzten Jahren so überhand genommen, weil die Mitte sich an dem Diskurs herausgehalten hat. Denn der war längst viel zu aufgehitzt. Wer im Alltag auch noch ständig Kinder versorgt, vielleicht noch die Eltern pflegen und auch noch zweimal am Tag mit dem Hund raus gehen muss, der hält sich aus dem lauten Social-Media-Gebrüll aus gutem Grunde raus. Vermutlich auch, weil er sich denkt: Bringt doch eh nix!
Abgesehen davon gilt seit einigen Jahren, dass nur noch über Trigger-Themen berichtet wird mit möglichst reißerischen Headlines. Es braucht nicht einfach nur Leser, es braucht heftige Reaktionen für den Algorithmus!
Stille Vernunft gehört da nicht dazu.
Die Mitte hat nicht mehr als das zu geben: eine unaufgeregte Vernunft zwischen den Extremen. Mittlerweile gelten aber leider auch ehemals schöne und harmlose Begriffe wie „der gesunde Menschenverstand” auch als „rechts”. Soviel zum Thema Verschiebung …
Seit Jahren ist alles so dermaßen politisch aufgeladen, dass alleine die Aussage, ob man nun Kuh- oder Hafermilch kauft, einen nach rechts oder links schubst. Wo sind die guten alten Zeiten hin, als man über Politik nicht geredet hat? Weil man eben ganz genau wusste, welch gewaltiges Konfliktpotential das hat? Macht mich alleine diese eine Aussage nun gleich rückwärtsgewandt und rechts?
Um Dich an dieser Stelle komplett zu verwirren: Ich kaufe Hafermilch.
Wo bleibt bei allem der MENSCH?
Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen. Von der Herde rausfallen will niemand. Ich wollte das auf jeden Fall vermeiden, war deswegen still. Mit meiner Haltung bin ich aber dennoch herausgepurzelt, was kaum einer bemerkt hat außer mir, und nun dümple ich irgendwo im Nirgendwo herum. Gefühlt allein.
Hätte ich früher etwas gesagt, mich positioniert, wäre ich vielleicht nur von der einen Seite hinausgefallen und auf der anderen gelandet. Den Moment habe ich verpasst, weil es mir komisch vorgekommen ist, nur wegen einer anderen Meinung mein gewohntes Umfeld verlassen zu müssen.
Sollte Gemeinschaft nicht unterschiedliche Meinungen aushalten können?
Allemal wird es wohl stimmen, dass man seine Gemeinschaft findet, wenn man seine Meinung überhaupt erst ausspricht.
Was ich hiermit endlich getan habe.

Wir müssen miteinander reden!
Die Scheiß-Coronazeit hat uns alle traumatisiert. Wieso redet kaum einer darüber?
Menschen haben Menschen verloren, Freundschaften gingen auseinander. Menschen waren allein, viel zu viel allein. Menschen wurde ihr Lebenswille genommen, ihr Mut, ihre Freude. Diese Zeit war alles andere als gut. Wir können nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, als wenn nichts passiert wäre. Es ist etwas passiert. Mit Dir, mit mir, mit uns allen!
Ich persönlich habe aus sozialer Angst gekuscht. Darauf bin ich alles andere als stolz. Ich musste mit mir danach erst meinen Frieden machen, dass ich aufgrund frühkindlicher Prägung eben so reagiert habe, wie ich eben reagiere. Hätte ich dieses Wissen nicht, was Prägung mit Menschen macht, wäre mein Kopf vor lauter Scham irgendwo in Australien wieder rausgekommen.
Menschliche Geschichten sind vielleicht nicht immer super besonders besonderen, aber es sind unsere Geschichten. Manche können sie abstreifen wie eine Schlangenhaut und einfach zur nächsten Version übergehen; ich bin der Typ Mensch, der Geschichten aussprechen und aufschreiben muss, um das nächste Buch aufschlagen zu können.
Das war also meine.
Den Artikel zusammengefasst in einer poetischen Form hat es meine liebe Freundin Carolin Magunia↗:
»Wenn wir das Schweigen nicht brechen, zerbrechen wir am Ungesagten.«
Carolin Magunia
Illustrationen: © Miriam Lochner
5 Kommentare
Ich finde es wichtig, persönliche Erfahrungen ernst zu nehmen.
Gleichzeitig ist Corona seit Jahren endemisch, gesellschaftlich normalisiert und politisch kein Ausnahmezustand mehr.
Für mich stellt sich daher weniger die Frage nach einem „Schweigen der Mitte“, sondern eher danach, warum manche Debatten innerlich nicht abgeschlossen werden, obwohl die äußeren Rahmenbedingungen es längst sind.
Liebe Miriam,
nach der Lektüre deines Artikels kommt in mir die Frage auf: Was ist nur los mit uns (als Menschen, als Gesellschaft, als angebliche Speerspitze der Demokratie)? Und versuche, mir selbst eine Antwort zu geben. Gespeist aus meinen Erfahrungen mit Schubladendenkerei, denn meine Erfahrungen decken sich mit deinen.
Bevor ich weiterschreibe, oute ich mich auch erst einmal: Ich habe mich zweimal impfen lassen und war immer froh über meine Ausrede, dass wir unbedingt nach Italien reisen wollten, was damals nur mit 2x Impfen ging.
Von der vermeintlich anderen Seite auf das Thema draufschauend habe ich erstaunt, verwirrt und fassungslos auf die Gräben geguckt, die sich damals aufgetan haben. Meine Erklärung: Die Sehnsucht nach der Gewissheit, im Recht zu sein und alles richtigzumachen. Sich auf die Seite der Mehrheit zu schlagen, weil diese sich ja nicht irren kann. Schubladen aufzumachen, weil die in solchen Krisensituationen das Leben einfacher machen.
Ich habe erstaunt den Menschen dabei zugesehen und -gehört, wie sie sich auf entschiedene und hochemotionale Weise zugeordnet haben, weil sie zu den Guten gehören wollten. Zu denen, die alles richtig machen – sowohl geimpfte als auch ungeimpfte.
Ich habe nicht wahrgenommen, dass die Menschen geschwiegen haben. Im Gegenteil: Ich nehme es bis heute so wahr, dass plötzlich die meisten eine sehr eindeutige Meinung zu Dingen äußern, mit denen sie sich wahrscheinlich überhaupt nicht näher beschäftigt haben. Aber das ist ja das Wesen von Meinung: Man kann auch eine Meinung haben, ohne über das entsprechende Wissen zu verfügen. Leider.
Ein sehr schönes Beispiel ist tatsächlich die Situation im nahen Osten: So unglaublich komplex, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass viele Menschen sich die Mühe machen, da tiefer einzusteigen. Mehr noch: Ich glaube, dass es nicht mehr möglich ist, eine eindeutige Meinung zu vertreten, wenn man sich erst einmal wirklich mit der Situation auskennt. Jedenfalls keine, die die eindeutige Zuweisung von Gut und Böse zulässt.
Mein Wunsch an die Mitte wäre, sich wieder an die Komplexität zu erinnern, die im Leben steckt. Wie oft hört man: „Die AfD ködert dumme Menschen mit ihren einfachen Lösungen für komplexe Probleme“. Jedes Mal möchte ich erwidern: „Greife dir an deine eigene Nase: In deinem Satz steckt nämlich der Wunsch, ein hochkomplexes Problem zu vereinfachen.“
Die Leute haben Angst. Vor der Unsicherheit der Zukunft. Ich kann das verstehen. Aber es gibt eben keine (einfache) Lösung dafür.
Mich inspiriert dein Artikel, denn das Thema Corona war ja nur ein Symptom einer Situation, die für viele immer schwieriger wird und deren „Lösung“ Selbstgerechtigkeit ist.
Herzlichen Dank für deinen Gedankenimpuls! Ich freue mich auf weiteres.
Liebe Grüße
Birgit
Liebe Birgit,
vielen Dank für Deinen Kommentar! 💥
Genau um diese unterschiedlichen Erfahrungen voneinander mitzubekommen, finde ich den Dialog so wichtig. In diesem ehrlichen, ruhigen Austausch sehe ich das Potenzial, die Gräben zu überwinden. Von daher freut es mich auch, dass Dich mein Artikel inspirieren konnte, das Thema selbst auch noch mal Revue passieren zu lassen – und dann auch gleich noch hier! Danke für die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast.
Wie Du schon sagst, ist spätestens der aktuelle Nahostkonflikt das beste Lehrbeispiel, dass wir mit Schwarz und Weiß nicht weiterkommen.
Weil ich gerne in allem etwas Gutes erkennen will, frage ich mich: „Inwiefern tut uns das alles zu erleben als Menschheit gut?“
Ist es nötig, wenn wir als Kollektiv erleben, dass der Verstand alleine nicht mehr reicht?
Intuition ist ja auch eine feine Sache.
Next level: „Kommt es immer nur aufs Wissen und Reden-Reden-Reden an? Wie wäre es mit “einfach leben“?“
Seit einigen Jahren schießt mir immer wieder in den Kopf, dass es der ganzen Welt besser ginge, wenn jeder im Kleinsten schaut, dass er ein gutes Leben lebt. Nicht, weil er kein Interesse am großen Ganzen hat. Sondern, weil er sich einfach auf den Bereich konzentriert, wo er auch wirklich etwas bewirken kann. Sofort setzt man seine Energie ganz anders ein – und es kommt auch etwas ECHTES dabei heraus!
Vielen lieben Dank für den Austausch!
PS: Ich habe glatt das Bedürfnis, den Begriff der “Mitte” noch einmal genau(er) definieren zu wollen: Ich meine damit die Menschen, die der Mitte gebührend keine krasse Meinung haben und bereits differenziert auf die Welt blicken. Weil sie wegen ihrer grundvernünftigen Einstellung keinen Mehrwert in aufgehitzten, lauten Diskussionen sehen, halten sie die Klappe – oder eben aus der Angst, in die falsche Ecke geschoben zu werden.
Hi Anna, Danke für Deinen Kommentar!
Ob die äußerlichen Rahmenbedingungen tatsächlich abgeschlossen sind, wage ich zu bezweifeln. Wie im Artikel beschrieben, findet für mein Dafürhalten eine Verschiebung statt, dass das „Corona-Thema“ (die massive Spaltung) sich immer weiter in anderen Themen fortsetzt.
Ich selbst hätte liebend gerne unmittelbar „nach Corona“ einen fetten Haken hinter die ganze Sache gemacht.
Das mit der persönlichen Verarbeitung ist sicher eine berechtigte Frage. Da spielen auch individuelle Traumata mit hinein.
Kurz gesagt: Solange eine Wunde noch nässt oder sogar eitert, kann man kein Pflaster darauf kleben und einfach weitermachen.
Das Potenzial für Heilung sehe ich darin, sich dem Schmerz zu stellen. Auch wenn das anstrengend ist und auch mal nerven kann.
Hi Miriam, ich habe Deine Antwort tatsächlich erst jetzt gesehen, weil ich über Antworten auf Kommentare hier offenbar keine Benachrichtigung bekomme.
Mit einigem zeitlichen Abstand finde ich einen Punkt daran interessant: Dass sich die gesellschaftliche Spaltung von Corona auf immer neue Themen verschiebt, sehe ich inzwischen durchaus auch. Ich ziehe daraus nur eine andere Konsequenz.
Vielleicht wäre gerade deshalb etwas weniger Kulturkampf hilfreich. Nicht jede Entscheidung anderer Menschen muss gesellschaftlich ausgehandelt werden. Ob jemand gendert oder nicht, KI benutzt oder nicht, an Astrologie oder Archetypen glaubt oder damit überhaupt nichts anfangen kann: Solange andere dadurch nicht beeinträchtigt werden, kann man vieles auch einfach stehen lassen.
Deinen Gedanken weiter oben, dass es der Welt vielleicht besser ginge, wenn jeder im Kleinen schaut, ein gutes Leben zu leben und sich auf den Bereich konzentriert, in dem man tatsächlich etwas bewirken kann, finde ich deshalb ziemlich sympathisch.
Vielleicht ist das sogar ein Punkt, an dem wir trotz ziemlich unterschiedlicher Sichtweisen gar nicht so weit auseinanderliegen.
Kommentarfunktion ist ausgeschaltet.