Lieber Mensch, dieser Brief ist für Dich. Für schlechte Zeiten – und auch für gute. Denn an was Dich dieser Brief erinnern darf – sieh ihn einfach als ein freundlich zwinkerndes Post-It –, weißt Du selbst längst viel zu gut. Du vergisst es nur im Alltag viel zu oft. Also, schätze ich, wenn es Dir geht wie mir – denn ich vergesse es ständig.
Du bist gut, so wie Du bist.
Hier könnte der Brief schon enden.
Aber so simple Aussagen funktionieren heute oft nicht mehr. Menschen sind mittlerweile Kompliziertes, Komplexes viel zu sehr gewöhnt. Unser Alltag selbst besteht ja nur noch daraus!
Dabei sind nach wie vor, ja sogar heute – ich schreibe dies am 23. August 2026 – doch die einfachen Sachen, die gut sind: Luft, Atmen, Spazierengehen. Sich den Wind um die Nase wehen lassen. Frisch sprudelndes Wasser. Das Lächeln Deines Gegenübers.
Oft vergeht einem das Lächeln, wenn das Gegenüber das eigene Spiegelbild ist. Das erlebe ich selbst viel zu oft. Dann geht es los mit der Abscheu mir selbst gegenüber. Wie dumm das ist, habe ich gestern gemerkt: Etwas wirklich Schlimmes ist passiert. So etwas in der Größenordnung Leben/Tod. So etwas setzt selbst produzierte Sorgen verdammt schnell in Relation.
Das echte Leben zeigt die Nichtigkeit des vermeintlich Wichtigen.
Lass es nicht so weit kommen, lieber Mensch!
Vielleicht kann und wird es bei Dir ohnehin nie soweit kommen. Vielleicht liebst Du Dich längst so, wie Du Dich lieben solltest.
Das wär so schön! ♡ Dann hast Du auch längst selbst in Erfahrung gebracht, dass und wie sehr ein liebevoller Umgang mit sich selbst überhaupt nix mit »Egoismus« zu tun hat. Wenn Du in einer stillen, freundlichen Selbstakzeptanz bist, bist Du automatisch nachsichtiger und wohlwollender mit Deinen Mitmenschen. Liebe-voll kann nur sein, wer voller Liebe ist. Diese Liebe kannst du auch empfinden, wenn Du niemanden im Außen hast. Denn ein Mensch steht Dir dafür immer zur Verfügung, Tag und Nacht, egal, wie verwuschelt Du gerade auch aussiehst!
Warum solltest Du den ausgerechnet Menschen, der Dir zuverlässig Dein Leben lang zur Seite steht, nicht mögen?
Um nicht bei den Kalendersprüchen hängen zu bleiben: Ich will hier keinesfalls flachreden, wenn Du Dich nicht wohl mit Dir selbst fühlst. Ich kenne das selbst nur zu gut! Neuerdings mit dem eigenen Körper, so schlimm wie noch nie zuvor. Zu meckern hatte ich ja immer was, auch als da nix war. Und jetzt ist da plötzlich was. Als wolle mir mein Körper sagen: »Haha, jetzt zeige ich Dir extra deutlich, wie wenig Du mich/Dich magst!« Habe ich mich deswegen sofort um mich gekümmert? Haha, natürlich nicht!! Wieso auch, wo ich mich doch selbst am allerbesten ignorieren kann.
Selbstfürsorge ist etwas, was ich gar nicht kann. Als ehemaliger People Pleaser (gestern durfte er einen überraschenden Tod sterben, als ich eine Krankenhausangestellte angebrüllthabe) kenne ich es nur zu gut: Sich um eigene Bedürfnisse kümmern?
Häh?
Um was bitte?
Wie soll das bitte gehen, wenn man die eigenen Bedürfnisse noch nicht mal kennt?!
Es ist für People Pleaser, posttrauamtisch Belastete etc. nicht unüblich, dass sie zum Beispiel erst dann merken, dass sie Pipi müssen, kurz bevor es zu spät ist. Ich kenne das. Und auch, wie ich abends ad ultimo vorm Bildschirm sitze oder auf der Couch, obwohl mir mein Körper schon vor zwei Stunden gesagt hat, dass er ins Bett will. Müdigkeit? Ach, da geht noch was. Lesen kann man auch mit einem Auge!
Manchmal denke ich mir, wie schön es wäre, wenn ich einen Freund hätte, der bei mir wohnt und mir abends sagt, wenn ich mal wieder nach 22 Uhr mit roten Augen vorm Bildschirm hänge: »Schatz, Liebling, jetzt hör doch endlich zu arbeiten auf!« Aber da ist kein Freund. Und selbst wenn, wäre es nicht seine Aufgabe, das zu tun. Denn ❶ sind wir beide erwachsen. Und auch wenn man sich natürlich umeinander kümmert und aufeinander schaut, was ja auch wirklich ein schönes Zeichen ist für gegenseitige Wertschätzung und Zuneigung: Jetzt kommt das hundsgemeine ❷: Der andere muss es ja auch immer noch annehmen können! 🤪 (Sein lassen, annehmen – soooo wichtige Qualitäten! Kannst Du es?)
Bist Du noch dabei, lieber Mensch? Jetzt bin ich leider so auf meine eigenen Eigenheiten abgeschmiert. Aber das war für mich persönlich wichtig, weil ich Dir damit zeigen will: Ich hab selber ultimativ ein Rad ab und bin absolut kein Pro in Sachen Selbstliebe, ich lerne das immer selber noch.
Aber aus einem Rad bin ich wenigstens schon raus: der bescheuerten Selbstoptimierung. Dieses Rädchen, das sich heute permanent dreht neben dem, was im Alltag und im Job schon ständig los ist. Dieses ewige »Ich muss besser werden …!«
Das sehe ich heute hochgradig gefährlich: Was sich da in den letzten Jahren hochgeschraubt hat mit einer sogenannten Morgenroutine, die intensiver ist als alles, was Du tagsüber machst, samt der zugehörigen Abendroutine, zeigst Du Dir und Deinem Körper doch ständig: Mit mir stimmt was nicht! Ich muss diesen Sport machen. Ich muss täglich ins Eisbad. Ich muss mir täglich fünf Stangen Sellerie in den Entsafter knallen. Ich muss … ich muss … ich muss!
Du musst gar nichts!
Du bist gut, so wie Du bist.
Jetzt.
Nicht morgen, wenn Du sofort nach dem Weckerklingeln hochmotiviert hochgeschreckt bist, deine Morgenroutine abgewickelt hast und im Büro deine Kudos eingesammelt hast.
Nicht in drei Monaten, wenn der eine Schwabbel da hoffentlich wieder weg ist.
Nicht in drei Jahren, wenn Du endlich mit Deinem Traumpartner zusammen bist.
Auch nicht in fünf, wenn Du endlich in Deinem Traumjob oder selbständig bist. (Dass diese Projektion nicht, absolut gar nicht funktioniert und Du Dir im ca. vierten Monat Deiner Selbständigkeit auf einmal überrascht denkst »Häääh?! Ich fühle mich ja genau wie vorher???!?« musste ich selbst hocherstaunt bis erschrocken erleben.)
Nichts macht Dich besser. Nichts wird Dich je besser machen.
Denn Du bist jetzt schon gut.
Jetzt!
Vielleicht stört Dich was an Deiner Figur. Vielleicht hast Du gestern irgendeinen Käse fabriziert, warst gemein zu jemandem. Oder hast wie ich eine Angestellte, die einfach nur ihren Job gemacht hat (aber das wirklich erstklassig unverschämt), so angebrüllt, dass jetzt mein ganzes Viertel tiptop informiert sind.
Selbst wenn etwas im ersten Moment nicht fein aussieht, nicht Deiner eigenen Vorstellung von Dir selbst entspricht: Ein Mensch tut immer das Beste, was er in dem Moment machen kann.
Noch einmal:
Ein Mensch tut immer das Beste, was er in dem Moment machen kann.
Du hast immer Dein Bestes gemacht. Wenn Du Dich heute dafür grämst, etwas falsch gemacht zu haben, atme mal durch und erinnere Dich: Für die damalige Situation hast Du mit Deinem damaligen Wissensstand das Bestmögliche getan, was Dir damals möglich war. Warum solltest Du Dich heute dafür immer noch schelten?
Wenn Du wirklich einen Fehler gemacht hast, dann korrigiere ihn.
Menschen machen Fehler; Fehler zu machen gehört förmlich zum Leben dazu. Würden wir ständig alles korrekt machen, wären wir Roboter. Sind wir aber nicht.
In der Regel machen Menschen nichts Falsches. Ich bin nach wie vor der Überzeugung: Kein einziger Mensch, nicht einmal ein _______ (setze hier den Namen Deiner absoluten Hassperson ein! Politiker oder so, Du weißt schon …) Also nicht einmal der denkt sich morgens »Oh, heute will ich es aber mal richtig verkacken und etwas total Falsches machen!« Jeder tut ständig sein Bestes, wie oben beschrieben, in seinem eigenen moralischen Rahmen, was er für gut und richtig hält.
Und Du erst recht.
Du kannst den Druck lassen, es ständig besser machen zu müssen. Mach es überhaupt – korrigieren kannst Du gegebenenfalls immer noch.
Du kannst den Druck lassen, selbst ständig besser werden zu wollen. Übe täglich, spiele, experimentiere, probier Neues aus, erfahre Neues, sprich mit anderen Menschen, nimm einen anderen Weg in die Arbeit oder zum Supermarkt. Dehne Dich und Deine Erfahrung aus. Wenn dazu eine dreistündige Morgenroutine mit Eisbad gehört – nur zu!
Fülle Dein Leben mit Leben, Liebe und Lebendigkeit.
Und lass Dir von niemandem einreden, Du wärst nichts wert oder weniger wert. Nicht mal von Dir selbst! Wer das sagt, lügt. Denn jeder Mensch ist wertvoll, ist einzigartig. Ich hab mir sagen lassen, es gibt ein Buch, in dem das sogar verankert ist …
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz, 1. Artikel, Absatz 1, 1. Satz – scheint wichtig zu sein
Und an der Stelle darf ich Dich an der Nase packen wie an meiner eigenen: Für Deine Würde bist auch Du selbst verantwortlich.
Alles ist ein Geben und Nehmen, ein ewiges, rhythmisches Zusammenspiel. Du hast die eigene Stärke, Kraft und auch Verantwortung, Dich für Dich selbst einzusetzen. Dich ernst zu nehmen. Also lass Dich von nix und niemandem kleinreden – weder von anderen Menschen, von den Medien, irgendwelchen Möchtegerns …
Lass Dich von keinem Label oder Etikett kleinmachen, Du bist so viel größer als das! ✌︎
Du bist so unendlich wertvoll. Zeig es Dir selbst.
An guten wie an schlechten Tagen.
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