Gilt immer die Formel »Bekannt = Mainstream«? Vivaldis Vier Jahreszeiten dürfen sich das oft sagen lassen. Oder auch, das wäre »Anfängerklassik«!? Zumindest ich habe mir das wiederholt anhören dürfen. Und das, obwohl ich in Klassik durchaus bewandert bin! Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich mag sie, die vier Jahreszeiten. Alleine beim Presto beim Sommer bin ich jedesmal kurz davor, deutlich emotionaler zu reagieren als Driss bei »Ziemlich beste Freunde«.1
Vivaldis Musik berührt einfach! Und das kann sie derzeit gleich auf mehreren Ebenen: Aktuell führt das schweizer Künstlerkollektiv Projektil Vivaldis vier Jahreszeiten in der St. Anna auf – zusammen mit Lichtinstallationen. Ja genau, Du hast richtig gelesen: Moderne Kunst in der Kirche St. Anna!
Warum mich das so erstaunt und wie das so war, liest Du hier.
Ein erstaunliches Spektakel
Ich weiß nicht, was mich mehr gewundert hat:
- Dass so eine Lichtshow in einer Kirche stattfindet.
- Dass man bequem auf Sitzsäcken herumliegen darf.
(Sehr gut so! Denn unter uns: Alles andere hätte mein Nacken auch nicht überlebt, weil die Projektionen vor allem an die prachtvolle Decke geschmissen werden.)
Warum erstaunt mich das nun so? Es ist – wie sollte es anders sein – meiner ganz eigenen Perspektive geschuldet:
Ich habe selbst erlebt, wie in meinem Design-Studium Kunst & Glaube strikt getrennt wurden: Die Kapelle, die wir an unserem alten FH-Gebäude hatten (dem alten Hauptkrankenhaus in Augsburg ⧉), wurde Hörensagen zufolge extra fürs Studium entweiht. 🥲 Nur so durften wir da drin auch mal selber ausstellen. Ich wurde damals also entsprechend geframed, dass cooles Design und Kirche auf keinen Fall, nieeeeee zusammengehören!
Und nun treffen sie hier bei Enlightenment in der St. Anna so vortrefflich zusammen. 😱
Die Inszenierung
Ähnliche Lichtshows kenne ich bislang nur outdoor: Etwa bei der Shopping Night in Augsburg ⧉ oder auch bei meinem Sabbatical in Kassel im Bergpark Wilhelmshöhe.2
Solche Projektionen nun indoor zu erleben und noch dazu in ihrerseits prachtvoll gestalteten Kirchenräumen, hat schon seinen ganz eigenen Reiz: Denn die St. Anna gibt es immerhin seit 1321, reichlich mit Kunst in Form von Bild und Architektur ausgestattet. Was willst Du da noch lang draufprojizieren? Geht das überhaupt?
Oh ja! Projektil arbeitet überwiegend mit abstrakten Formen, die sich wunderbar mit der barocken Architektur verbinden. Dass da mal ein Heiligenbild darunter zart hervorschimmert, um nicht zu sagen der Heile Geist durchscheint, macht die Projektionen für meinen Geschmack nur noch interessanter.
Die moderne Kunst in Kirchenräumen hat für mich persönlich also überhaupt nichts Despektierliches, im Gegenteil:
Glaube, Kunst und Alltag lassen sich wunderbar vereinen!
Miriam Lochner von auxkvisit.de
Aber mich erstaunt tatsächlich, dass sich eine Kirche auch wirklich darauf einlässt. Ohne extra dafür entweiht worden zu sein 😉
Eine Show für viele Stätten
Die 30-minütige Show lebt natürlich davon, auch an anderen Orten gespielt werden zu können. Alles andere wäre ja auch unwirtschaftlich. Die Veranstaltungen von Projektil finden auch statt in Stuttgart, Trier, Frankfurt, Graz oder Regensburg. Und auch in Osaka, Budapest und Rio de Janeiro. Je nachdem findet dort die Vivaldi-Inszenierung »Enlightenment« statt, oder vergleichbare namens »Genesis« oder »Flow«.)
PROJEKTIL creates immersive3 experiences that travel across cultural, historical and unexpected spaces around the world. Through visual art, music and light, each work is reshaped by the architecture it inhabits.
–projektilart.com
Projektil integriert also gekonnt die individuelle Architektur in die Visualisierungen: Die Lichtstrahlen flitzen auch mal direkt entlang der Säulen und erwecken damit die statische Strukturen der St. Anna direkt zum Leben. Gerade solche Momente sind es, die mir persönlich bei solchen Lichtshows gefallen: Wenn mit der Architektur gespielt wird, wenn sie nachhaltig ins Bestehende übernommen wird. Alles andere wäre ja auch viel zu random!
tiefer gehen
Nachhaltig ohne Buzzword-Shit weitergedacht
Fazit: Animationen zum Eintauchen
Projektil lässt es bei den Animationen ordentlich krachen!
Ich habe die Show ohne zu fotografieren einfach genossen und kann daher nur auf die Bilder ihrer Website verweisen:

Am besten haben mir gefallen die farblich fein aufeinander abgestimmten kaleidoskopartigen Bewegungen, die aus einer Farbfamilie stammten. Wenn man sich wie im Sternenhimmel fühlen konnte. Oder auch, als die Projektionen plötzlich super-simpel überraschend nur noch in Schwarzweiß daherkamen. Grafikdesigner lieben das! Mich hat erstaunt, wie gut auch das Schwarzweiße auf der Architektur funktioniert hat!
Kurz: Je abstrakter es war, umso lieber mochte ich es. Denn das bietet der eigenen Phantasie so schön viel Raum. Und davon hat man in der St. Anna ja reichlich!
Ansonsten will ich nicht mehr verraten – Du sollst das Spektakel ja auch immer noch selbst genießen können. 🙂
Veranstaltungshinweise
Bis 1. Dezember 2026 kannst Du Dir das noch selbst ansehen. Weitere Informationen zu den Terminen kannst Du der Veranstalter-Website entnehmen. Und wenn Du mehr Infos zur Kirche möchtest – die gibt es hier⧉ (dort finden sich auch nochmal mehr Fotos).
Heißer Tipp: Warm anziehen! Und dann die Show genießen.
Transparenzhinweis: Ich wurde zu der Veranstaltung eingeladen. Meine Meinung ist davon ungetrübt. Diese Rezension erfolgt ohne Auftrag und ist unbezahlt.
Quellen & Nachweise
- Um nicht zu sagen: Ich könnte dabei regelrecht losheulen! ↩︎
- Das mit den Lichtspielen findet auch gerne im Oktober statt. Mehr Informationen auf https://www.kassel.de/buerger/kunst_und_kultur/parks_und_gaerten/wilhelmshoehe/index.php ↩︎
- immersiv, Immersion = zum eintauchen; oft gebraucht für derartige multimedia-Veranstaltungen, vgl. https://www.giga.de/tech/jeder-sagt-es-kaum-einer-weiss-es-was-immersiv-wirklich-bedeutet ↩︎
Titelbild: © Miriam Lochner, auxkvisit.de