Neue Augsburger sind schnell entlarvt, selbst wenn sie nicht mit einer Karte in der Hand durch die Stadt laufen. Noch erfüllen sie eben nicht alle 11 Kriterien, ein echter Augsburger zu sein. Wer das werden will, kommt nicht darum herum, sich auf die Stadt einzulassen. Ein Konzept hierfür hat Kommunikationsdesignerin Ines Flögel entwickelt – Ehrensache, dass wir uns getroffen und darüber geplaudert haben. Ines’ Idee: Eine Karte, die „Augsburg für Anfänger“ zugänglich macht.

Die Augsburg-Karte von Ines Flögel

Der Stadtplan ist anfangs so blank wie der Eindruck, den der frisch Hergezogene über Augsburg vermutlich haben wird. Natürlich sind ein paar markante Ecken eingetragen: Der Rathausplatz, Dom oder Hotelturm etwa. Wer die Stadt in ihrer ganzen Fülle erleben will, muss einen Blick in den dazugehörigen Stadtführer werfen: Ines stellt dort Augsburgs beste Kneipen, Sehenswürdigkeiten, Shops und Veranstaltungsorte vor – die ganze Bandbreite, tendenziell mehr indie als mainstream. Zu diesen Locations gibt es kleine Sticker. Wer den Ort aufgesucht hat, klebt ihn auf den Plan. So erhält er seine ganz eigene Augsburg-Karte; sie wird im Lauf der Zeit immer bunter wie die Erinnerungen, die der Neu-Augsburger hier gesammelt hat. Blanko-Aufkleber laden dazu ein, eigene Entdeckungen zu markieren. Lieblingsorte lassen sich eben nicht von jemandem Anderen vordefinieren.

Leider umfasst die Karte nur Augsburgs Innenstadt. Bei der Werkschau waren die Besucher eingeladen, sich auf der Karte einzutragen. Viele Punkte verzierten auch die Wand darum herum – einige sogar die Fußleiste. Im Gespräch mit Ines wurde mir schnell klar, warum ihre Arbeit nicht ganz Augsburg umfassen konnte.

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„Mein Zuhause“ hat leider keinen Platz auf Ines’ Augsburg-Karte.

 

Das Besondere an diesem Stadtplan

Allein schon der Plan, so schlicht er auf den ersten Blick auch anmutet, hat seinen ganz eigenen Charme: Er wirkt lebendiger, weicher und organischer. Hier geht es nicht um Perfektion – die Straßenzüge fallen unterschiedlich dick aus, manche Schriftzüge dotzen an, einen strengen Stil sucht man abgesehen vom Farbkonzept vergeblich. Wer sich in den krummen Gässchen der Altstadt mal verlaufen hat, bemerkt schnell: Ines’ Plan entspricht Augsburg damit viel mehr als all die hundertprozenzig angelegten Pläne von Falk und Googlemaps.

Tatsächlich hat Ines den Plan komplett von Hand gezeichnet und nachträglich digitalisiert. Die handgeschriebenen Straßennamen verraten das auf den ersten Blick. Bei den Straßenverläufen, Flächen und Parks könnte man hier und da noch vermuten, dass sie gleich am Rechner gezeichnet wurden, aber nein: Alles analog und mit Liebe gemacht. Persönlicher geht ein Stadtplan wohl kaum. Ein Tipp von Ines: Die Fineliner von Muji, mit denen sie am liebsten arbeitet. Man kann sich vorstellen, wie viel Arbeit das alles gemacht hat. Für die Bachelorarbeit hat man aber nur drei Monate Zeit.

Das Projekt, vor allem der Stadtführer, ist daher noch nicht ganz abgeschlossen. Und wenn man bedenkt, wie viele Läden schon wieder neu hinzugekommen sind – zum Beispiel Glore oder Ruta Natur – ist der Stadtführer ohnehin ein Open-End-Projekt oder zumindest eines, das regelmäßiger Neuauflagen und am besten auch einer App bedarf. Wenn es denn offiziell in Produktion geht – bislang ist die Karte ein Liebhaber-Projekt von Ines selbst. Das aber sicher viele weitere Liebhaber finden würde, da bin ich mir sicher. Möchtet Ihr so einen etwa nicht in Eurer Wohnung kleben haben und regelmäßig updaten?

Was sind Eure Lieblingsplätze?

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Wer braucht heute schon noch einen Stadtplan?

Wenn man bedenkt, wie schnell die schönen Weltkarten bei Monoqui und Co ausverkauft sind: Klaro gibt es einen Markt dafür. Die Liebe zum Papier und für echte Karten wird nie aussterben. Es ist immer noch etwas anderes und wortwörtlich tiefergreifenderes, Informationen auch haptisch zu erfassen. Mit dem Finger einem Straßenverlauf zu folgen macht nur Papier wirklich Spaß. Gleichzeitig bekommt man für die Dimensionen wortwörtlich ein Gefühl. Versuch das mal auf dem iPhone!

Zudem mag ich die Idee, Augsburg mit der Karte peu a peu zu entdecken. Ich kann mir gut vorstellen, wie in unterschiedlichen Studenten-WGs die Karte hängt: Jemand kommt zu Besuch, wartet, bis der Kaffee fertigt ist und schaut sich solange die Karte an, die in der Küche über dem Tisch von Contact hängt – Ach, da warst du schon? Ist das gut? Gehen wir da demnächst zusammen hin? Was, da warst du noch nicht? Na dann, zieh die Chucks an, los geht’s!

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Und Ines’ Lieblingsplatz?

Als ich Ines frage, was für sie der schönste Ort in Augsburg ist, fällt ihre Antwort so offen aus wie Ihr Stadtplan-Konzept: „Den gibt es nicht. Die Vielfalt macht Augsburgs Reiz aus!“ Aber einen Lieblings-Straßennamen kann sie mir dann immerhin doch nennen: Im Sack.

 

Hard Facts

Bachelorarbeit im Sommersemester 2016
betreut von Prof. Michael Stoll und Günter Woyte
Ines’ Arbeit inkl. Kontaktmöglichkeit auf der Werkschau

Ines gehört zum Ensemble von Theter und hat z. B. den Flyer vom Taubenschlag designt.

Weder Karte noch Stadtplan sind bislang in Produktion gegangen. Ich habe eine der wenigen Karten geschenkt bekommen. Vielen lieben Dank dafür nochmals, Ines!

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